Am 15. Februar 2010 gab es im Neuen Theater Spirgarten in Zürich das Tourneemusical „Phantom der Oper" mit Deborah Sasson und Axel Olzinger in den Hauptrollen.
Gespielt wird jedoch nicht das Stück von Sir Andrew Lloyd Webber, sondern eine eng an den Roman des französischen Schriftstellers Gaston Leroux angelegte Fassung mit der Musik von Peter Moss. Wohl dem Zuschauer, welcher unbelastet vom weltweit meist aufgeführten, aber etwas bombastisch wirkenden Musical von Andew Lloyd Webber ins Theater geht und sich überraschen lässt.
In den Katakomben der Pariser Oper geht ein grausam entstellter Mann um, dessen Gesicht hinter einer Maske verborgen ist: das Phantom der Oper. Dort entzieht er sich der Öffentlichkeit, bis er sich in das schöne Ballettmädchen Christine verliebt.
Daraufhin bekommen die Operndirektoren einen mysteriösen Brief mit der anonymen Forderung, man solle ihm "seine" Loge reservieren und das Ballettmädchen Christine Daee solle anstatt der Operndiva Carlotta die Rolle der Margarete in der Faust-Inszenierung erhalten.
Christine ist hin und her gerissen. Ihr Verstand gehört dem Phantom, ihr Herz jedoch Raoul, dem Vicomte de Chagny.
Nachdem Christine Raoul ihre Liebe gesteht und beide anlässlich des Maskenballs fliehen wollen, nimmt das Phantom Rache: Es läßt den Kronleuchter der Oper ins Publikum herabstürzen und entführt seine geliebte Christine. Daraufhin beschliessen die Operndirektoren, dem Treiben des Phantoms mit Hilfe des Kommissars ein Ende zu setzen. Auch Raoul ist dem Phantom auf der Suche nach Christine auf der Spur, wird jedoch überwältigt und ebenfalls entführt. Im Unterbau der Pariser Oper stellt das Phantom Christine vor die Wahl: Entweder sie bleibt für immer bei ihm, oder aber Raoul muss sterben.
In der an den Roman angelehnten Version werden hierbei die Figuren des Persers, der das Phantom schon aus früheren Zeiten kennt, und die des Kommissars, stärker herausgearbeitet.
Auch fällt auf, dass das Bühnenbild bei weitem nicht so üppig ist, wie in der Webber-Inszenierung. Für eine Tourneedarbietung muss es mobil sein und auch auf kleineren Bühnen wie im Neuen Theater Spirgarten Platz finden.
Diesem Minus wird mit einer Vielzahl interessanter Ideen zum Bühnenbild, entworfen von Michael Scott, entgegengewirkt. Zunächst fällt ein durchsichtiger Vorhang ins Auge, der einen Grossteil der Veranstaltung geschlossen bleibt und das Bühnenbild in die SECAM-Optik der Siebzigerjahre-Serien taucht. Er kann so beleuchtet werden, dass er blickdicht ist und dabei sogar als Leinwand für Lichtprojektionen dienen. Durch ein Spiel mit diesen Effekten entsteht auch am Schluss eine beeindruckende räumliche Wahrnehmung der Pariser Opernkatakomben. Auch sonst ist das Bühnenbild eine schöne Erscheinung, insbesondere wenn das Operninnere oder der Friedhof dargestellt werden, auf den Christine dem Phantom folgt. Das der eher bizarre Humor der 70er Jahre, der die gesamte Inszenierung dominiert, auch vor der Kulisse keine Halt macht, wird spätestens deutlich, als man sich beim Fall des Lüsters gar zu sehr an Monty Python Flying Circus erinnert fühlen darf.
Darüber hinaus lässt die Auswahl der Darsteller die Bühne gar nicht mehr so klein erscheinen. Denn wo Deborah Sasson auftritt, findet Grosses statt. Diese nimmt sich mit Axel Olzinger in der Pause sogar Zeit, um einige Fragen zur Inszenierung zu beantworten:
„Es ist schon einfacher, nicht an die strengen Vorgaben der Webber-Inszenierung gebunden zu sein. Da muss alles ganz genau stimmen und ist mit den verschiedenen Bühnen, die man auf einer Tournee hat oft nicht vereinbar. Andererseits birgt die am Original angelehnte Darbietung natürlich den schwierigeren Gesangsstoff. Da muss man jeden Abend Faust, La Traviata und Carmen bringen. Das ist nicht leicht."
Aber dafür spektakulär! Nach „Carmen" am Ende der Veranstaltung ist das Publikum restlos vom Gesang der Diva überzeugt. Obwohl es nicht leicht gefallen sein mag, einer solchen Protagonistin würdige Gegenspieler entgegenzusetzen, ist dies mit Axel Olzinger durchaus gelungen. Auch er brilliert stimmgewaltig in der Rolle des irr gewordenen Entstellten. Insgesamt ist die Auswahl der Charaktere gut gelungen und schön ausgewogen. Neben Nils Schwarzenberg und Stefan Schael als Operndirektoren imponieren auch Jochen Sautter als Raoul, Sonja Heiermann als Carlotta und Marcin Drzazdzynski als Assistent des Kommissars.
Lobend hervorzuheben ist auch die Musik von Peter Moss', die die gewohnten Klänge der Webber-Aufführung nicht missen lassen. Dieser Peter Moss verdiente sich seine ersten Musical-Sporen bereits 1973 als Musical Director der ersten Aufführungen der Rocky Horror Picture Show ab und spielte Bass für die in diesen Tagen in den Abbey Road Studios aus und eingehenden Bands. Die Musik vom Phantom hat einige mitreissende dynamische Höhepunkte und vermag glaubhaft zwischen E- und U-Musik zu wechseln. Es gehört schon einiges dazu, nicht das übermächtige Vorbild zu kopieren, sondern etwas eigens zu erschaffen. Daneben trägt er für das musikalische Arrangement Sorge und dirigiert das Orchester.
Das „Phantom der Oper" ist eine sehr gelungene Veranstaltung, liebevoll und mit viel Humor inszeniert. Man merkt auch den Darstellern an, dass sie offenbar gerne miteinander arbeiten.
Deborah Sasson: „Natürlich ist eine Tourneeinszenierung immer viel mühsamer als ein fester Schauplatz. Ich kam heute erst aus Wien nach Zürich und werde auch schon morgen wieder abreisen. Alles muss transportier werden, man muss sich vor Ort immer auf neue Bedingungen einstellen. Aber das Ensemble ist fest, das gibt einem schon sehr viel Sicherheit. In Berlin habe ich einmal meinen Bühnenpartner erst auf der Bühne vor Publikum kennengelernt."
Insgesamt ist die Veranstaltung Musicalfreunden sowohl in optischer als auch musikalischer Hinsicht sehr zu empfehlen. Ich habe den Abend sehr genossen.
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Nächste Spieldaten nach Zürich (ohne Gewähr):
18.02.10 Pirmasens Festhalle
19.02.10 Saarbrücken Saarlandhalle
20.02.10 Morbach Baldenau-Halle
21.02.10 München Philharmonie
23.02.10 Trier Europahalle
24.02.10 Andernach Mittelrheinhalle
25.02.10 Duisburg Theater am Marientor
26.02.10 Krefeld Seidenweberhaus
27.02.10 Fulda Orangerie
28.02.10 Bayreuth Stadthalle
01.03.10 Merzig Stadthalle




