Vor wenigen Tagen wurden in New York die diesjährigen Tony Award Nominierungen bekannt gegeben. Insgesamt sind 13.5 Produktionen nominiert; man muss potztausend eingestehen, eine interessante, werthaltig neue und für andere Preisverleiher wegweisende Galerie.
Bei den "Erstlingen" sind "Fela!" mit 11 Nominationen und "Memphis" mit 8 die Abräumer, bei den Revivals sind "La Cage aux Folles" (1984) mit elf und "Ragtime" (1998) mit sieben Nennungen die Nominierungssieger. Nun gibt es aber zweifellos Unterschiede in der Bedeutung von Einzelnominierungen. Der Preis für die beste Orchestrierung ist zweifellos bedeutender als jener für das beste Musical, oder? Doch wie man auch tüftelt, die beiden Leader sind gleichauf, ist beim besten Buch nur "Fela!" berücksichtigt, wird dies dadurch wettgemacht, dass bei den männlichen Hauptdarstellern "La Cage aux Folles" einen Hauptdarsteller mehr preismässig "standby" hat.
Nun, ich verheimliche meine Meinung nicht. Für mich ist das effektivste Erstlingswerk immer der Gewinner und nicht die "Wiederholungstäter". Es fällt auf, dass bei den neuen Musicals alle vier Nominierten, Musik zum Thema haben.: "American Idiot" bezieht die Musik von der Punkband Green Day, deren gleichnamiges Album wurde Ende 2004 in den USA 1.5 Millionen Mal verkauft, "Fela!" befasst sich mit dem nigerianischen Saxophonisten und Begründer des Afrobeats, Fela Kuti. Diese Figur war, vorsichtig ausgedrückt, in seinen Ansichten nicht gänzlich unproblematisch, war er doch ein sexistischer Fundamentalist, der beispielsweise in seinen Liedtexten zum Besten gab " Frauen sind Matratzen". Homosexualität dämonisierte er gar, als Strafe für ein früheres schlimmeres leben.
"Million Dollar Quartet" hat Frank Sinatras "The Rat Pack" nachgeeifert und das Zusammenwirken und die Musik von Elvis Presley, Jerry Lee Lewis und Johnny Cash zum Thema, das Musical Memphis befasst sich schliesslich mit der Musik eines der ersten weissen DJ's, der in Memphis Blackmusik auflegte, Dewey Phillips.
Die Musicalgeschichte wird häufig eingeteilt in die Periode der "klassischen Musicals" (1943-1957), die "Musicals des Rockzeitalters" (1957 - 1978) und jene "für den Weltmarkt" (1978 - heute).
Man könnte mit diesen Nominierungen einen neuen Zeitabschnitt, nämlich jener der "Musik"-Musicals einleiten. Offenkundig ist Musik, was den Erfolg anbetrifft, heute noch bedeutender geworden.
Noch ein Wort zum Revival-Gewinner "La Cage aux Folles" (franz. ein Käfig voller Narren), mit dem Superhit und Showstopper "I am what I am". Diese schwergewichtige Drag-Queen-Show ist Geschmackssache. Apropos, das im West End laufende "neue?" Musical "Priscilla, Queen of the Desert" hat einen sehr ähnlichen Inhalt.
Warum titelte ich 13 1/2 Nominierungen? Das Stück "Enron", welches die Wirtschaftsskandale anfangs dieses Jahrhunderts aufarbeitet, steht mit vier Nominierungen zu Buche. Nachdem ich infolge meiner persönlichen anwaltlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit, gerade zum Wirtschaftsverbrechen einen speziellen Draht habe, ist das Stück heute (Lehmanbrotherspleite) inhaltlich hochinteressant. Nachdem es mit viel Musik "bestückt" ist, stellt sich die Frage; ist es nicht eher ein Musical, als ein Theaterstück? Reflektieren Sie doch dieses weltbewegende Problem bis zum 13. Juni. An dem Tag erfahren Sie auch, wer schliesslich der Gewinner des "Preisrätsels" ist.




