Ätsch Bätsch, nachgemacht
Es war einmal ein grosser Entdecker, da gesellte sich ein kleiner solcher zu ihm und fragte: "Sag, Grosser, darf ich bei dir mitmachen?". Da lachte der grosse Entdecker darüber und sagte: "So ein Blödsinn. Kommt gar nicht in Frage!" In der Folge machte sich der kleine Entdecker auf Entdeckungsreise und entdeckte regelmässig die Schätze früher, die es zu entdecken gab. Ein Monat später kam dann der grosse Entdecker und fand die gleichen Trouvaillen. Da kam der Kleine zu ihm und sagte: "Ätsch Bätsch! Nachgemacht!".
Was in aller Welt hat diese Geschichte mit Musical zu tun? Nun, der grosse Abräumer an der diesjährigen Tony Award Verleihung, die vor einigen Tagen stattfand, war das Musical "Memphis". Kurz zuvor hatte der Outer Critics Award das gleiche Musical zum Besten gekürt. Ein Jahr zuvor, im 2009, war "Elliot" der grosse Sieger des Tony Awards. Kurz zuvor hatte auch im 2009 der Outer Critics Award dieses Musical zum Besten erkoren. So geht es weiter: 2008 "In The Heights", 2007 "Spring Awakening", 2006 "Jersey Boy", regelmässig war kurz zuvor genau das gleiche Werk vom Outer Critics Award als erster ausgewählt worden.
Die Geschichte von den Endeckern ist demnach nicht ein Märchen, sie ist zum Leitwesen der Tony Awards Ausrichter eine bittere Pille. Der Outer Critics Award setzt sich zusammen aus jenen Kritikern, die für nationale Medien ausserhalb von New York schreiben. Es sind demnach diejenigen, die dennoch ein bisschen nach Provinz schmecken. Den Tony Awards - Machern gefällt dies aber sicherlich nicht. Sie sind mehr und mehr zu Nachahmern verkommen.
Das Prinzip der geschlossenen Türe der Tony Award - Machern hat letztlich dazu geführt, dass verschiedene andere Preise wie Pilze hervorgeschossen sind. Da gibt es noch den New York Drama Critic's Circle. Hier dabei sind 20 Medien, die diesen Preis vergeben. Interessant sind insbesondere auch der Drama Desk Award, welcher den Preis für die beste Produktion "off-Broadway" und "off-off-Broadway" erteilt. Diese Unterscheidung ist noch witzig. Bei den Off-Broadway-Produktionen in New York geht es um Stücke und Musical, die im Theaterdistrikt von New York oder ein bisschen ausserhalb spielen und zwischen 100 und 500 Sitzplätze haben. Unter Broadway-Produktion versteht man gängig die 40 Theater im Theaterdistrikt von New York mit mehr als 500 Plätzen. Dazu gesellen sich die Off-off-Broadway-Produktionen, dies sind jene Theater mit weniger als 100 Sitzen, teilweise im Laienbereich angesiedelt.
Erwähnung finden muss auch noch der Theatre World Award. Hierbei geht es nicht etwa um einen Preis für Musical aus der ganzen Welt, sondern, bescheiden wie die Amerikaner sind, werden nur Stücke aus New York zugelassen, nämlich Broadway- und Off-Broadway-Produktionen. Ein Schrittmacher für die Zukunft ist der sogenannte Obie Award einer amerikanischen Wochenzeitung. Hier wird das beste Musical der Off- und Off-Off- Produktionen gekürt. Wer hier früh schauen geht, kann wohl spätere Gewinner ausmachen. Nun aber genug von diesem Preisrätseln.
Die allgemeine Presse verkündete Hüben und Drüben "Memphis" und "Fela!" seien die grossen Abräumer im Tony Award gewesen. Diese Schreiberlinge sind nun aber wirklich nicht mit viel Wissen belastet. "Memphis" hat zweifellos gewonnen. Achtmal nominiert gewann es vier Tony Awards, nämlich jenen für das beste Musical, das beste Musicallibretto, die beste Originalmusik und die beste Orchestrierung. "Fela!" war dagegen der absolute Loser. Elfmal nominiert gewann es zwar dreimal einen Tony Award, doch welche? Beste Choreographie, beste Kostüme und bestes Sounddesign. Man muss nicht ein Musicalkenner sein, um klar feststellen zu können, dass "Memphis" gewonnen hat und die Macher von "Fela!" wohl sehr enttäuscht zurückblieben.
Wir sind ja bekanntlich in der Zeit der "Musik-Musicals". Diese haben erwartungsgemäss zugeschlagen. "Memphis" erinnert an das Erfolgsmusical "Hairspray", wird doch dort die Integration der schwarzen Musik in ein "weisses Umfeld" thematisiert. In "Memphis" ist Hauptperson Huey Calhoun der erste weisse DJ, der Blackmusic auflegte. Die Anfangsszenen beider Musicals sind vergleichbar. "Fela!" befasst sich ja bekanntlich mit dem nigerianischen Saxophonisten und Begründer des Afrobeats "Fela Kuti". Es fällt auf, dass beide Protagonisten noch nicht so bekannt sind. Amerika wird uns Musik näher bringen, die noch nicht so viel Publikum in Europa hat. Es wird interessant sein zu sehen, ob diese Musicalproduktionen in Europa wirklich durchstarten.
Bei den sogenannten Revivals gewann "La Cage aux Folles" mit drei Auszeichnungen, vor allem die wichtigste, beste Wiederaufnahme eines Musicals sowie bester Hauptdarsteller und beste Musicalregie. Das Musical "Ragtime" war bei den Zurückkommenden siebenmal nominiert, gewann aber keine einzige Auszeichnung. Von den anderen Favoriten gewann "American Idiot" den Preis für das beste Bühnenbild und das beste Lichtdesign, das Musical "Million Dollar Quartet" immerhin den Preis für den besten Nebendarsteller.
Wie schon mehrfach gesagt, ist Musical ein unpräziser Containerbegriff. Mit diesem Problem hatten sich dieses Jahr auch die Veranstalter der Tony Awards auseinander zu setzen. In einem komplizierten Verfahren wurden beim Tony Award die tauglichen Titel und Darsteller gesucht. Nicht selten geschieht es, das Korrekturen an den Nominierungen gemacht werden. Dies geschah in diesem Jahr mit dem Musicallibrettos von "American Idiot" und "Fela!". Auch Theaterstücken mit Musik hätten theoretisch kandidieren können. Die Frage bleibt: "Wieso haben eigentlich die Amerikaner unzählige Musicalpreise und wir in der Schweiz nur ein ganz klein Bisschen den Privalo. Die Antwort ist wahrscheinlich, dass wir noch zu wenig entwickelt sind in dieser Sparte. Aber wir verraten Ihnen ein Geheimnis: Irgendwann möchte auch der Scheinwerfer das beste Musical küren können. Ich hoffe, liebe Leser, Sie bleiben uns bis dann treu.




