Standort: Start Musical Blog zur Ausbildung (im Aufbau) Von sterbenden Schwänen und hechelnden Cowboys

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Von sterbenden Schwänen und hechelnden Cowboys

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Es ist Ende März und der Frühling ist da. Hamburg zeigt sich von seiner besten Seite: Ein paar Stunden Sonne am Tag, Temperaturen, die nicht mehr unter Null liegen, spriessende Krokusse in «Planten un Blomen», Frühlingsduft an der Alster, nicht mehr dieser beissend kalte Wind, sondern nur noch eine leichte, wenn auch frische Brise,... und die ersten Cafés, die ihre Stühle auf den Gehsteig stellen. Der Frühling steht vor der Tür und erinnern mich daran, dass bereits drei Monate von meinem «neuen» Leben hier im Norden vergangen sind.

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Die erste Zeit war, wie ich schon berichtete, anstrengend, da so viele Eindrücke von der Schule, der Stadt, den Menschen und vielem mehr auf mich einprasselten. Ich lebte mich aber schnell ein; der Stundenplan wurde zum Alltag, der Schulweg zur Routine, der Körper gewöhnte sich an das viele Training, die Stimme fand ihre Indifferenzlage1, die fremden Menschen wurden zu lieben Freunden, die LehrerInnen zu Vertrauenspersonen und die vielen, neuen Erlebnisse zu spannenden Erfahrungen. Doch auch nach drei Monaten ist kein Tag wie der andere: Mal gelingt, was man vor hat, mal scheitert man an den Ansprüchen an sich selbst. Ein Erfolgserlebnis beflügelt dich eine ganze Woche lang, und dann wirst du wieder auf den Boden geholt, wenn du merkst, wie viel du noch zu lernen hast.

Ganz einfache Dinge werden auf einmal zu schwierigen Aufgaben. Im Schauspielunterricht lernen wir zum Beispiel ohne Requisiten eine Aktion darzustellen: Geschirr abwaschen ohne Wasser, Seife, Schwamm und Becken. Es ist gar nicht so einfach, dies den Zuschauenden so zu zeigen, dass es auch erkennbar ist und nicht als Kochen wahrgenommen wird. Oder habt ihr schon mal einen Koffer gepackt ohne Koffer und Inhalt? Oder Räume bespielt, die völlig leer sind? Da sind es kleine Details, die erkennen lassen, wo wir uns als Darstellende/r gerade befinden: Wo schauen die Augen hin? Wie bewege ich mich in dem Raum? Fühle ich mich darin wohl? In welchen Raum komme ich, wenn ich zur Türe raus gehe? Alles Fragen, die ich mir als Darstellende zuerst stellen muss, bevor ich dann eine Szene spiele.

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Besonders spannend wird es, wenn man etwas darstellen soll, von dem man keine Ahnung hat. Zum Beispiel sterben. Ja, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber wir übten tatsächlich «sterben» und «Leiche spielen», bei dem nun also wirklich niemand aus unserer Klasse mit irgendwelchen Erfahrungen auftrumpfen konnte! Klingt makaber, sah aber echt total witzig aus: Einer nach dem anderen musste quer durch den Raum gehen und wurde von einem tödlichen Schuss von hinten verletzt. Da dachte man doch immer, es gäbe nichts einfacheres, als einfach zu Boden zu sinken und sich nicht mehr zu bewegen?! Na stellt euch vor, wie lustig das aussieht, wenn der Cowboy, der gerade von hinten von seinem Feind erschossen wird, etwas unbeholfen in sich zusammen sackt, so dass ihm die Hose reisst. Spätestens wenn er sich dann peinlich berührt an den Popo greift, kann sich das Publikum nicht mehr halten vor Lachen und die Dozentin weist noch einmal grinsend darauf hin, dass es doch vielleicht besser sei, mit Trainingshose statt mit Jeans im Schauspielunterricht zu erscheinen.

Lustig wird es auch, wenn wir im Kreis liegend unsere Atemübungen machen. Da müssen wir seufzen, hecheln und schnüffeln bis die Wände wackeln... oder zumindest bis das Zwerchfell das tut, was es tun sollte! Am Anfang mussten wir uns so zusammen reissen, nicht jedes Mal laut loszuprusten, mittlerweile schnüffeln und hecheln wir wie die Weltmeister. Nur zwischendurch liege ich da und ein kleiner, fieser Gedanke verirrt sich in meinem Hirn und stört meine Konzentration: «....wenn mich jetzt einer hier so sähe....» Der ermahnende Blick der Lehrerin erinnert mich dann aber auch flugs wieder an meine Aufgabe: Konzentrier dich und schnüffle!

In Ballett kämpfe ich nach wie vor gegen meinen eigenen Körper, der nicht so ganz will, wie ich es gerne hätte. Meistens fühle ich mich nach den Tanzstunden auch eher wie ein gestorbener Schwan als wie eine leichte Ballerina, aber eine erfrischende Dusche spült meistens schnell alle Sorgen um Hohlkreuz und Auswärtsdrehung weg...

Gesanglich arbeite ich weiter an meiner Stimme in den vier Vocal Modes nach der Complete Vocal Technique, die für mich ganz neu ist aber mir doch schon ein paar Erfolgserlebnisse bescherte. Und spätestens wenn mich die Nachbarin auf dem Flur fragt, ob ich die sei, die singt, merke ich, dass mein Stimmorgan an Lautstärke gewonnen hat. Naja, liegt aber vielleicht auch an den dünnen Wänden!

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Während sich nun draussen längere Tage ankündigen, stehen bei uns schon die ersten Beobachtungstage vor der Tür. Und so bereiten wir uns mit Szenen, Songs und Tanzschritten für die Präsentation vor der künstlerischen Kommission im Mai vor. Die Tage vergehen im Nu und wer erst noch dachte, die Beobachtungstage sind noch weit weg, wird nun eines Besseren belehrt.

In diesem Sinne widme ich mich nun wieder meiner Musiknotenbibliothek und suche einen passenden Song für die nächste Gesangsstunde... und dann wartet da auch noch das Bett, das mich mit ein paar Stunden Schlaf verwöhnen will.

Auf ein baldiges Wiederlesen!
*linda


1) Die Indifferenzlage ist die Tonhöhe, in der man lange sprechen kann, ohne die Stimme zu ermüden

 

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