Gestern fand im Theater 11 die lang angekündigte Premiere des Musikbox-Musicals "Mamma Mia!" statt. Nachdem unser Chefredaktor das Werk an verschiedenen Schauplätzen insgesamt elf Mal gesehen hatte, durfte ich in den sauren beziehungsweise in den süssen Apfel beissen. Um es vorweg zu sagen: der Apfel schmeckte viel mehr süss.

In der Geschichte Kompilation Musicals (Musicals, die auf die bekannten Lieder einer bestimmten Sängergruppe oder Stils basieren) gibt es den grössten Erfolg und den bekanntesten Misserfolg. Beide Musicals haben mit Eltern zu tun, nämlich "Mamma" (Mia), das auf ABBA Songs aufbaut und "Daddy" (Cool), basierend auf der Musik von Middle of the Road, produziert von Frank Farian.
"Mamma Mia!" ist ein Riesenerfolg. Heute kann man sagen, dass das Musical beinahe ein derartiger Treffer ist, wie die Musik von ABBA selbst. Die Produktion in Zürich überzeugt deshalb, weil sie insbesondere nicht mit den Mängeln von Tourneeproduktionen belastet ist. Das Musical hat als solches ein einfaches Grundbühnenbild. Die Tatsache, dass bei diesen professionellen Werken kein grosser Spielraum für den Regisseur besteht, ist manchmal ein Vorteil. "Mamma Mia!" war weltweit auch deshalb erfolgreich, weil die Story zwar nicht der absolute "Knaller" ist, aber ganz süss. Schlussendlich gibt es noch die Aussage, dass viele Kompilation Musicals schöne Songs haben, plus eine "schwachsinnige" beziehungsweise keine Geschichte.
Es ist anzunehmen, dass es wohl auch für die Produzenten ein Erfolg wird, obwohl bekannt ist, dass die Royalties (Zahlungen), die für die Rechte geleistet werden müssen, früher sehr hoch waren. So spielte "Mamma Mia!" lange vor verkauftem Haus in Hamburg, aber die Produzenten verdienten praktisch nichts.

Überzeugt haben die weiblichen Hauptdarstellerinnen. Einerseits die Namensgeberin, die "Mamma" mit ihrer starken Stimme, dargestellt von Sara Poyzer, welche die quirlige originelle extravertierte Mutter Donna wiedergab, sowie die hübsche Tochter Sophie (die Mutter stand ihr diesbezüglich in nichts nach), gespielt von Charlotte Wakefield, die nicht zuletzt durch ihren feinen Sopran zum Song "Have a Dream" elektrisierte. Andererseits wie in jeder Aufführung begeisterte die Rolle der molligen Rosie (Jennie Dale), welche eine Mischung von Suffragette und frustrierter Mannstollheit war und einen langen Applaus erhielt. Tanya (Kate Graham) machte mit ihrer unvergesslichen traumhaften Figur und ihrer lustigen Gestik einen einschneidenden Eindruck.
In der Regel müssten die drei konkkurenzierenden Väter keine Gewaltsänger sein. Auch in der Verfilmung war das so. Die Zürcher Darsteller weichen davon bezeichnender Weise nicht ab.

Speziell durchschlugen mich die choralen Elemente. Es war wirklich schön anzuhören, wenn der Chor zusammen trällerte. Das Geheimnis von "Mamma Mia!" sind aber die zwei verlosten Songs von ABBA. Heute noch monatlich millionenfach gehört, sind sie richtige Ohrwürmer und Evergreens. Die Musik hat in früherer Zeit polarisiert. Ein "richtiger" Mann durfte die Musik von ABBA nicht gern haben. Diesfalls war er ein Warmduscher oder ein Weichei. Zwischenzeitlich wurde dieses Vorurteil revidiert. Jung und alt mögen ABBA und sind nicht mehr dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien musikalisch ein bisschen primitiv. Bezeichnenderweise liessen die Urhauptdarsteller bei Proben vor 22 Jahren verlauten, dass ABBA Songs schwer zu singen sind und durchaus musicalisch anspruchsvoll. Mich rissen am meisten die Songs "Gimme, Gimme, Gimme", "Mamma Mia" und "Money, Money, Money" vom Sitz, wobei ich als anständiges Mädchen erst zu der obligaten Standing Ovation aufstand und mittanzte. Dies vielleicht ein wichtiger Unterschied zu den Spielorten in New York, in London und in Hamburg, wo es häufig so war, dass das Publikum nach dem Entreacte, d. h. nach der Pause, während des gesamten zweiten Teils auf den Beinen war und herumsprang. So etwas kann man wohl von dem leicht verschlossenen Schweizer-Zürcher noch nicht erwarten, schon gar nicht vom ausgewählten Premierenpublikum.
Sofern sie das Musical nicht elf Mal wie mein Chef bereits gesehen haben, ist der Weg ins Theater 11 zu empfehlen. Viele Menschen verbinden mit "Mamma Mia!" Glücksmomente und Ferienstimmung. Und von Glücksmomenten kann man bekanntlich nicht genug haben.
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