Das Musical – oder neuer Geist (er) im Musical
Nicht besser als der Film, aber ebenwürdig
Seit Juli dieses Jahres läuft im Piccadilly Theatre in London das Musical «Ghost», welches bereits im Broadway grosse Erfolge feierte.

Lassen Sie mich zuerst sagen, was «Ghost» nicht ist:
Es ist kein billiger Abklatsch des Erfolgsstreifens von 1990 mit Demi Moore, Patrick Swayze und Whoopi Goldberg. Nein – das Musical «Ghost» ist eine gelungene Adaption dieses Werks, ist streckenweise sogar besser wie dieser Kultfilm.
«Ghost» ist auch keine Technoshow, die mit überzogenen Effekten und vielen Gags irgendwelche Defizite wegmachen will. Die Technik kommt vor, aber in einer Art und Weise, die überzeugt, wenn sich beispielsweise massenlose Körper bewegen, wenn Menschen durch Wände wandern usw.
«Ghost» erzählt die gleiche Geschichte, wie der berühmte Film - es sind kaum Änderungen vorzufinden – abgesehen davon, dass der Cheque, der 1990 4 Mio. Dollar betrug, zwischenzeitlich auf 10 Mio. angestiegen ist; die Inflation ist halt spürbar.
Lassen Sie mich aber nun aufzeigen, was «Ghost» speziell macht:
Einerseits ist «Ghost» kein Filmmusical, denn bei diesem wird ein Musicalerfolg – wie beispielsweise „Sound of Music“ im Nachhinein verfilmt. «Ghost» geht den umgekehrten Weg: zuerst gab es – wie bei „Mary Poppins» oder «Hairspray» – den Film und anschliessend folgt die Musikalisierung. «Ghost» ist aber für mich in einem ganz anderen Sinn ein Filmmusical. Die Entdeckung war das interaktive durch Hintergrundfilme definierte Bühnenbild der Szenerie. Die Möblierung und das Filmbühnenbild gehen ineinander über. Es erinnert an eine Karaoke-Show. Es gibt quasi einen Bühnenfilm, dazu wird das Stück kombiniert und dieses multimediale Zusammenwirken spielt bei «Ghost» in einer neuen, höheren Liga. Dass filmische Elemente in das Musical implementiert werden, kennen wir bereits von «We will rock you» oder beispielsweise «Woman in White». Auch «Dirty Dancing» hat mit diesem Element not-a-bene wenig überzeugt. In der Schweiz ist Marco Rima mit seinem Musical «Die Patienten» diesen Weg gegangen. Bei «Ghost» ist die fimliche Szenerie derart gut, dass man sagen muss, rückblickend auf die anderen Werke ist dieses Konzept nun wirklich ausgereift. Es ist ein eigener Film, der unglaubliche Dynamik bringt, der die Chor-Szenen und Gruppenauftritte zum multimedialen Erlebnis macht. Neben dem Musical schaut man sich einen zusätzlichen Film. So gesehen ist «Ghost» ein gelungenes, ein neuartiges «Filmmusical».
«Ghost» liess mich aber auch eine Musicaldarstellerin entdecken, die mir bis anhin unbekannt war. Es ist Caissie Levy, eine kanadische Musicaldarstellerin, die bereits mit «Hairspray» seinerzeit am Broadway den Durchbruch hatte. Sie spielt – «sprich» lebt – die Rolle der Molly Jensen; man nimmt ihr jeden Atemzug ab. Das kleine, attraktive, zarte Persönchen steht im Gegensatz zur Hammerstimme, mit der sie das Publikum verzaubert. Sie war meine persönliche Entdeckung.
«Ghost» ist eine geglückte Produktion, die vielleicht Pech hatte. Bei den Tony Awards musste es in Amerika gegen «The Book of Mormon» antreten – eine erheblich rustikalere, mehr Effekt haschende Darbietung, als dieses Liebesdrama, So gesehen ging es bei allen Preisverleihungen leer aus. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass die feinere Klinge dieses Musicals bei der nächsten Verleihung der Laurence Olivier Awards in London besser prämiert werden könnte.
Dem dynamischen Musicalwerk, das modern und sehr jung daherkommt, ist aus meiner Sicht eine längere Spielzeit in London zu prophezeien; nicht zuletzt wegen der gelungenen Rock- und Balladenmusik, die teilweise vom Eurythmix - Mitglied David Stewart – stammen. Nicht nur der bekannte Song «Unchained Melody» ist ein Ohrwurm. Speziell die Dreier-Ballade «Live can turn on a Dime», wo Carl, Molly und Sam – das heisst der Dreier-Beziehung – über ihre Gefühle vortragen, war für mich überzeugend und erinnert mich an die gleich geartete Ballade der zwei liebenden Frauen und des geliebten Mannes in «Miss Saigon».
Ich verbrachte einen sehr schönen Nachmittag in London, hatte einen Anwaltskollegen mit mir, der durchaus eine positive Affinität zum Musical hat, aber schlichtweg vom Dargebrachten begeistert war.
Schlusspunkt: eine der besten Musical-Regisseure der Schweiz, Dominik Flaschka, hat mir im Vorfeld gesagt „Dieses Musical ist wirklich toll“. Dominik Flaschka ist offenbar nicht nur ein guter Regisseur, er kennt sich mit Musical wirklich aus – man kann ihm nur beipflichten.
Ps: die nächste Geistermusical-Nummer ist bereits unterwegs: «Ghost Brothers of Darkland Country» – ein Thriller nach einem Buch von Stephen King und Musik von John Mellencamp soll im April 2012 in Atlanta uraufgeführt werden. Die Geister lassen uns noch lange nicht los.
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