Die Plätze für ‚Rebecca’ sind noch über Monate ausverkauft, schon bringt das Theater St. Gallen mit ‚Chicago’ die nächste grosse Musicalproduktion auf die Bühne.

Mit Tusch und Trommelwirbel kündigt der Conférencier ein Stück über Mord, Habgier, Korruption, Gewalt, Ausbeutung, Ehebruch und Verrat an. All dies sollte sich im Verlaufe des Stücks bewahrheiten, doch noch bevor die Handlung einsetzt, wird das St. Galler Publikum zurückversetzt ins Chicago der Goldenen Zwanziger, als sowohl das Unterhaltungstheater als auch die Kriminalität ihre Blütezeit erlebten und Mord als eine Form der Unterhaltung galt. Nicht nur der Conférencier, ausgestattet mit einem schwarz-weissen Kostüm und riesigem Zylinder, wurde diesen bekannten Vaudeville-Shows entnommen, sondern das ganze Stück steht im Zeichen der varieté-shows, in denen dem Publikum mit Tanz, Theater, Zauberkünstlern und Akrobatik ein Spektakel der Extraklasse geboten wurde. Auch im Musical überstrahlen Glanz und Glamour die wahren Begebenheiten. Wichtig ist nicht Schuld und Sühne, sondern die Inszenierung derselben - oder wie es der schmierige Anwalt Flynn ausdrücken würde: mach doch ein bisschen Hokuspokus!
Ein Grundsatz der in St. Gallen wörtlich genommen wird! Die Inszenierung von Melissa King verzaubert durch spektakuläre Tanzchoreographien, Gesangs- und Musikeinlagen von groovend bis rockig, aber auch durch eine einzigartige Kulisse. Das abstrakte Bühnenbild steht im Kontrast zu den aufwändigen Kostümen, die, ausgestattet mit viel Schnickschnack, Strass und Glamour zwar von den Zwanzigerjahren inspiriert und doch neu interpretiert wurden.

Aber auch bei der Auswahl der Künstler erwies Melissa King ein gutes Händchen. Gespielt von Sabrina Harper wird die Hauptdarstellerin Roxie gleich zu Beginn der Story zur Mörderin, als sie mit den Worten „niemand lässt mich sitzen“ ihren Liebhaber kurzerhand erschiesst. Harper gelingt es, das scheinbar naive, zartbesaitete Geschöpf glaubhaft zu spielen und doch auch das wahre durchtriebene und unberechenbare Gesicht der Mörderin durchscheinen zu lassen. Ihr gutherziger Ehemann Amos nimmt die Tat auf seine Kappe, zieht seine Aussage jedoch zurück, als er merkt, dass seine Roxie ihn mit dem Getöteten betrogen hat. Roxie wird verhaftet und kommt unter die Fittiche der Gefängniswärterin ‚Mama’ Morton. Diese Rolle der korrupten Gefängnismutter scheint der gebürtigen St. Gallerin Brigitte Oelke auf den Leib geschneidert, so dass sie den ersten Applaus erhält noch bevor sie den ersten Ton singt. Ihr Solo ‚Sei gut zu Mama’ stellt einen der Höhepunkte des ersten Aktes dar. Mit Mama Morton’s Hilfe gelingt es Roxie den unverfrorenen Anwalt Billy Flynn, gespielt von Tobias Licht, für den Fall zu gewinnen. Flynn schaltet die Klatschpresse ein Allen voran die gutgläubige Mary Sunshine, die mit ihrem Sopran die Wände des Theaters erzittern lässt. Flynn überzeugt die Presse von der Unschuld seiner Mandantin, indem er ihnen seine Version der Geschichte eintrichtert. Das Lied ‚Beide griffen zum Colt’ bringt diese groteske Szenerie auf den Höhepunkt, als Roxie zur Marionette Flynns mutiert und auch die buntgekleideten Presseleute buchstäblich nach seiner Pfeife tanzen. So gewinnt Roxie die Sympathien der Medien und schafft es auf die Titelseiten der Zeitungen. Verführt vom Blitzlichtgewitter strebt sie fortan weder nach ihrer Freilassung noch dem häuslichen Glück mit Amos: Sie will Ruhm und Glamour. So schafft es die einzige gute Seele des Stückes Amos Hart nicht, seine abtrünnige Frau zurückzuerobern. Dafür singt sich Amos alias Frank Winkels mit dem Titel ‚Mr. Zellophan’ auf Anhieb in die Herzen der Zuschauer.
Doch Roxie ist nicht allein auf ihrem Weg ins Blitzlichtgewitter. Auch ihre Erzrivalin Velma Kelly kennt keine Gnade auf dem Weg zum Erfolg. Zwar gelingt es Roxie Velma den Platz im Rampenlicht streitig zu machen, dafür stiehlt deren Darstellerin Sabine Hettich beinahe allen die Show. Auch Roxie muss jedoch bald schmerzlich feststellen, dass der Ruhm nur bis zum nächstgrösseren Skandal währt. So ist Chicago nicht nur ein Unterhaltungsspektakel, sondern auch eine bitterböse Kritik an den Machenschaften der Medien. Auch das amerikanische Justizsystem bekommt sein Fett weg. Die Gesetze sind dehnbar und nur ein guter Anwalt und die Manipulation der Klatschpresse entscheiden über Freispruch oder Todesstrafe.
Während das Musical auf der Ebene der Handlung nur in kleinen Schritten vorangeht, lebt Chicago von der Inszenierung – oder besser gesagt: vom Hokuspokus. St. Gallen ist mit Chicago allemal ein grosses Kunststück gelungen.
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