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Schweizer Musical, ein Sonderfall? - Teil 1

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alt Dies ist der erste neu überarbeitete Teil einer mehrteiligen Serie über den Musicalstandort Schweiz. Er erschien erstmals in einem Musicalmagazin in Deutschland.

Vielleicht werden einige sagen, „Musical und Schweiz, das geht ja gar nicht!“. Doch die jüngere Vergangenheit hat das Gegenteil bereits bewiesen. Immer öfter präsentieren sich auch grosse Inszenierungen, immer öfter werden neue Veranstaltungshallen aus dem Boden gestampft.

Die Schweiz, das Land der Uhren, der Schokolade und des Käses, ein Land des Musicals? Ist es nicht viel mehr so, dass die Eidgenossen sich keine Zeit nehmen zum generieren von kreativen Musikpralinen, vielmehr gilt dort die Devise „Musical ist Käse“? Den Brand „Schweizer Musical“ kann es schlichtweg nicht geben, meinen die Spötter; sie haben viele gute rationale Gründe auf ihrer Seite.

 

Kreuz mit den Zuschauern

Die deutschsprachige Schweiz umfasst zwischen Zürich und Bern rund 4.83 Mio. potentielle Zuschauer. Rund 10 % dieser möglichen Besucher sind fremdsprachig, das Zielpublikum beträgt demnach rund 3.6 Mio. Zum Vergleich und zuhanden zukünftiger Produzenten, in Berlin, der Musicalmetropole alleine leben schon 3.41 Mio. Menschen. Im Ruhrpott sind es sogar 25 Mio. Menschen. Wer Erfolg haben will mit Musicals, der braucht die sogenannte „Long runnings“, die jahrelange Spielzeiten. Wahrlich fatal ist, hierfür gibt es schlicht und einfach zu wenig „Schweizer“.

Musical zu produzieren bedeutet hohes Risiko, fast niemand wird hier Top ohne Flop. Die wenigsten können bei den hohen Fixkosten wie beispielsweise leere Theater einen Misserfolg aussitzen. Die Schweizer haben wohl Ricola „erfunden“, sie haben aber auch eine Lösung für dieses Problem? Die Lösung besteht darin, dass es eben nicht um Zielpublikum, sondern um Menschen geht.

 

Schweizerkauderwelsch

Die Schweizer „schwafeln“ recht ulkige Lokalidiome, Dialekte, die so kein „anständiger“ Deutschsprachiger versteht. Zu allem Überfluss spielen und singen sie sogar ihre Stücke in Mundart. Das kann ja nur schief gehen. Doch auch diese Annahme geht fehl, Mundartmusical und Übersetzungen sind unmittelbar, berühren die Schweizer Seele direkt ohne Sprachhindernisse. Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich.

Gerade Lokalmusical haben schon in der Vergangenheit das Schweizer-Musical geprägt. Einer der grössten Erfolge, nämlich „die kleine Niederdorfoper“, spielt gegenwärtig mit grossem Erfolg, mit dem Schweizer Comedian Erich Vock in der Hauptrolle, im Bernhardtheater in Zürich. Sämtliche Aufführungen waren nach wenigen Tagen ausverkauft, die Spielzeit wurde verlängert. Der grösste schweizer Musicalerfolg der Neuzeit „Ewigi Liebi“ - das Phantom der Schweizer Musicalszene - spielt erfolgreich seit Herbst 2007, ein Ende ist nicht abzusehen.

Ewigi Liebi - Cast September 2008

Die Thuner Seebühne bringt im Sommer als Weltuhraufführung Dällebach Kari, ein Abkehr vom bisherigen Konzept, welches bis anhin nur bekannte Erfolgsmusical umfasste. Offenbar denkt man mit Mundart-Musicals auch Erfolg zu haben.

Beachtenswerten Success hatten auch in schweizerdeutsch das deutsche Kleinmusical „Der Elternabend“ sowie "Bye Bye Bar" im Zürcher Hechtplatztheater.

 

Laien & Kindermusical

Ein weiteres Element des „Sonderfalles“ Schweiz ist das Laienmusical, die freien Bühnen (siehe Bericht zu Upside Down). Viele Dörfer offerieren Laienaufführungen, auch das Kinder- bzw. Schulmusical ist stark verbreitet. Insbesondere der Schweizer Volksschauspieler Jörg Schneider inszenierte die „Zauberorgel“ oder „Jim Knopf“. Die Laienmusicalformen haben ihre Bedeutung umso mehr Sie einen Schritt auf dem Weg zur Professionalität bilden, z.B. André Kellers „My fair Lady“ gegeben Anfangs Jahr im Zürcher Bernhardttheater. Eine der wichtigsten Schweizer Musicalquellen ist Harry Scherrers „Spacedream Trilogie“, die ursprünglich eine Laienproduktion war, ein Vorwurf der zum Teil unberechtigterweise den Winterthurer noch heute anhängt. 

 

Schweizer Musical

Was soll man unter Schweizer Musical verstehen? Musical ist ein „Containerbegriff“. Jeder lädt auf, was seiner Ansicht nach dazugehört, versteht was anderes darunter, die amerikanische Definition ist nach gerade von entwaffneter Schärfe, die Offenheit führt dazu, dass sich der Begriff so durchsetzte. Übrigens der Terminus des „Vorgängers“ Operette war im 19. Jahrhundert skurilerweise ein Genre ohne Namen. Man sprach damals von „Opéras-bouffes“ bzw. „Comic Operas“.

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Was verstehen wir also nun unter Musical? Da wären mal die vier oder fünf S als tragende Konstruktion des Containers; Story, Sound, Stage, Swing & Smile.

Eine andere Definition beruht auf den vier doppel S, nämlich Sound and Songs, Story and Smile, Stage and Special Effects sowie Swing and Step. Die Stärke und die Grösse der Schweiz liegt gerade darin, dass sie so klein und unterschiedlich ist.

„Klein“ ist das Stichwort. Wie zu zeigen sein wird, wurden nach 1940 in der Schweiz häufig musikalische Komödien d.h. lustige Stücke, teilweise gesungen, aufgeführt. Mit dem Terminus Musical wurden grosse Bühnen, grosse Ensembles und grosse Orchester verbunden. Der „Doyen des Schweizer Musical“ Paul Burkhard sprach deshalb beispielsweise bei seinem berühmten Stück „Der schwarze Hecht“ bzw. das „Feuerwerk“ von „Kleinmusicals“.

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Neben dieser Eigenart waren die frühen Schweizer Musicals vor allem witzig, Lustspiele. Damit ist aber das Schweizer Musicalgebilde gar nicht weit entfernt von den amerikanischen Vorbildern. Musical bedeutet nämlich auch, „music and comedy“. Die neuen Schweizer Produktionen bauen zu Recht das „Smile“ vermehrt ein. Unter Schweizer Musical und Schweizer Musical-Szene verstehen wir einerseits, in der Schweiz herausgebrachte Musicals, es sollen aber auch generell die Musicals die in unser Land zur Aufführung kommen, damit abgedeckt werden.

 

Spielorte & Darsteller

Das Musical in der Schweiz wird langsam erwachsen. Bedingung hierfür war, dass überhaupt geeignete bauliche Spielorte entstehen. Wie in Deutschland wurden Industriehallen umgenutzt. Bekannt ist das Sulzerareal in Winterthur, heute bestehen drei weitere grosse Spielorte, d.h. multifunktionale Theater.

Einerseits das Theater Basel, die Zürcher Maag Eventhall und der Stadthof 11 in Zürich. Ein spezieller Spielort, nämlich in einer Stahlgiesserei, wurde auch für das Musical „Die schwarzen Brüder“ von Georgij Modestov 2007 in Schaffhausen gewählt. Bei einer Publikumsauslastung von 92 % scheiterte diese Produktion.

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Ein ähnlicher Flop war die Erstaufführung des Musicals "Storm" letztes Jahr in Bülach. Zunehmende Bedeutung haben auch die subventionierten Musicalbühnen. Vorreiter ist diesbezüglich das St. Galler Stadttheater. Die seinerzeitige deutsche Welturaufführung des Musicals "Hairspray" ist unvergessen, die beiden Produktionen letzten Jahres, die Welturaufführung "Der Graf von Monte Christo" und "Der Mann von La Mancha", kamen an diesen Erfolg nicht heran. Dem Theater St. Gallen wächst mehr und mehr gesunde Konkurrenz im Stadttheater Bern und dem Luzerner Theater heran.

Unverständlich ist, wieso diese letztes Jahr das Gleiche und nicht sonderlich hervorragende Musical "Woyczek" herausbrachten. Sehenswert waren aber auf jeden Fall die Berner Produktionen "My Way" und "Sweet Charity".

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Ein Unikat stellt das Theater Kriens dar, hier werden Musical anders inszeniert, eine Spielstätte, die die Schweizer Musical-Szene aber nötig hat. Gespannt darf man diesbezüglich auch auf "Tell" sein, das vom 12. - 27. März im Käfigturm in Bern spielt. Es ist zu hoffen, dass es nicht ebenso flopt wie die andere Version dieses Musicals, welches vor Jahren richtig "abverheite".

Anscheinend hatte man durch die einseitige Sicht auf den künstlerischen Anspruch den Blick auf die Zahlen völlig vernebelt. Das Musical bedarf aber auch der geeigneten Darsteller. Es gab einfach bis weit in die 90er Jahre keine Allroundschauspieler –Tänzer und –Sänger. Dieses Problem besteht für die Schweiz nach wie vor. Bei den Castings hört man immer wieder die Sätze „singen kann er, aber… Tanzen kann er, aber ….“. Die Quantität der „Aber-Darsteller“ geht nur langsam zurück.

Die diesbezüglichen Verbesserungsversuche unternehmen vor allem nachfolgende Institutionen, eine staatliche anerkannte Hochschule gibt es bedauerlicherweise nicht. Die in Bern ansässige Swiss-Musical Academy bietet eine dreijährige Gesamtausbildung mit Diplomabschluss an. Es handelt sich um eine Vollzeitschule mit umfassender Ausbildung. Die Swiss-Musical Academy ist ein „bisschen“ eine Darstellerschmiede für Schweizer Musical.

So wurde beispielsweise der Absolvent Stephan Lüthi bei „Ewigi Liebi“ verpflichtet und er hat bei der Produktion „West Side Story“ an der Thuner Seebühne im Juni 2008 mitgewirkt. Auch andere Darsteller haben den Weg ins Ensemble von Heidi 1 und Heidi 2 gefunden. 

Martina Lory und Tina Barth im Gespräch

Martina Lory lieferte eine überzeugende Performance in dem „Elternabend“ in Zürich und spielt im Moment die Sabe bei „Ewigi Liebi“.

Die Luzerner Musicalfactory führt eine Vorklasse, welche vor allem darauf zielt, die Studenten auf die Aufnahmeprüfung deutscher Musical Hochschulen vorzubereiten. Für die Schweizer sind beispielsweise die Folkwang Hochschule Essen, die Hochschule „Felix Bartholdy“ in Leipzig oder die Joob van Ende Academy in Hamburg interessant. Viele der Absolventen der Musicalfactory fanden so den Zugang zu deutschen Musicalhochschulen.

Seit September 2006 besteht in Adliswil die Stageart School welche sich auch dem Musical widmet. Künstlerischer Leiter ist der bekannte Schweizer Musicaldarsteller Patrick Biagioli. Er war unter anderem in der Spacedream Trilogie zu sehen. Stageart bietet eine berufsbegleitende Ausbildung, entweder am Morgen oder am Abend. Im Gesamtkonzert der Schweizer Musicalausbildung spielt sie eine wichtige Geige. Erschwerend wirkt, dass auch die Castings der schweizerischen Musicalproduktion teilweise nur in Deutschland und Österreich durchgeführt werden.

Teil 2 widmet sich detailliert mit der Geschichte des Schweizer Musicals und den einzelnen Bühnen.

 

Weitere Folgen:

Schweizer Musical, wie es begann - Teil 2

Schweizer Musical -Teil 3

 

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