Das Musical Tell- eine wunderschöne Klangwolke
Noch wenige Tage läuft im Berner Theater am Käfigturm das Musical Tell. Kurzkritik in sieben Worten: Ein nettes Musical und eine wunderbare Musik!
Das Musical Tell ist eigentlich eine Laienproduktion, dass heisst, die Erwartungen dürfen nicht allzu hoch geschraubt werden, dennoch ich ging sehr zufrieden von dannen. Selbstverständlich gab es da die eine oder andere Schwäche, kein Bühnenbild, beziehungsweise nur ein Bühnenbild, eine ungeeignete Location mit kleiner Bühne, pausenlose Massenaufläufe von 30 Personen auf dieser, obwohl -sündhaft teure - unattraktive veraltete Headsets, wenig Komik und tänzerische Begrenztheit. Aber wie gesagt, es ist eine Laienaufführung und als solche besser als viele professionelle Produktionen.
Doch beginnen wir am Anfang, ich bin immer noch der Meinung, dass das Wichtigste an einem Musical - das was ein Musical trägt - die Musik ist. Diese stammt von Kurt Käch und Barbara Andrey.
Sie ist wirklich nicht zu verachten, ich habe hunderte von Musicals gehört, das was ich hier zu lauschen bekam, war etwas vom Besten. Es erinnerte ansatzweise, ohne geklaut zu sein, an die schönen Songs des Musicals "Elisabeth" oder an einzelne Stücke des Musicals "Der Schuh des Manitu ". Songs wie Hand in Hand, Füll mein Herz mit Liebe, Freiheit usw. sind wirklich hörenswert, insbesondere ist alles aus einem Guss geschrieben, sämtliche Stücke passen zueinander und sind Markenzeichen für das Musical. Viele Kompositionen sind richtiggehende Ohrwürmer, etwas was bekannten Stücken, bekannten Musicals häufig abgeht.
Zu dieser Klangwolke kann man nur sagen, grosses Kompliment. Selbstverständlich bekommt man viele Chorgesänge zu hören, welche bestens funktionieren, wobei zwei Personen gesanglich herausstechen. Zum einen ist da Barbara Andrey, die Co-Komponistin, welche gleichzeitig die Hauptrolle, Hedwig Tell, verkörpert. Sie singt die selbst komponierten Songs interpretationstief mit einer wunderschönen klaren Stimme. Eine Zweite besticht, es ist dies Daniela Moser als Gertrud Stauffacher, auch sie bringt eine wunderbare Stimme zur Geltung. Von diesen beiden Hobbysängerinnen könnten sich viele Profis etwas abschauen. Der "Zufall" will es, dass die männliche Hauptrolle des Tells vom Ehemann von Barbara Andrey, nämlich Patrik Andrey gespielt wird, auch er ist überzeugend.
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Es soll nicht verheimlicht werden, die Frauen sind grundsätzlich gesanglich besser, die darstellerischen Leistungen einzelner Interpreten sind nicht überragend. Ich halte fest, dass die Produktion in vielerlei Hinsicht zu empfehlen ist.
Da gibt es aber auch noch ein absolutes "No Go", das Stück wird auf Hochdeutsch wiedergegeben, das Original spielte auf Friburgerdeutsch. Die Protagonisten hatten aber Angst, die dummen Berner würden das nicht verstehen, das verstehe ich wiederum nicht. Schweizerdeutsch gespielte Stücke wie Ewigi Liebi, Niederdorfoper, By By Bar und wohl auch Dällebach Kari haben Erfolg und schlagen ein. Wie so man ausgerechnet das Urschweizerische Stück Tell auf Hochdeutsch wiedergeben soll, ist einigermassen unverständlich, das komische Schweizerhochdeutsch einiger Darsteller wirkt zeitweise wie ein echter Verfremdungseffekt.
Die Geschichte des Wilhelm Tells wurde schon mehrfach musikalisch bearbeitet, so gibt es die gleichnamige Oper von Giacomo Rossini und im Jahre 1977 kam das Tell-Musical im Schützenhaus Albisgütli, Zürich zur Aufführung mit Toni Vescoli. Bei dieser Produktion handelte es sich um einen sagenumworbenen Flop. In meiner "Geschichte über das Schweizer Musical" schrieb ich seinerzeit, Tell sitze schmollend in der Ecke, frustriert darüber, dass es noch kein richtiges Tell Musical gibt. Auch die vor Jahren angekündigte Produktion von Walter Hitz für 2010 ist bis anhin ein Projekt geblieben. Nun, ich glaube dem Tell geht es zwischenzeitlich trotzdem besser, zumindest gibt es nun eine schöne Tellmusik, quasi einen konstruktiven Gegenvorschlag, das ist ja heute üblich.
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Schlussbemerkung
Die Interlaker haben seit Jahrzehnten die bekannten Tell-Spiele. Wie wäre es, wenn man diese Tellspiele bereichern würde, indem man die Musik dazu gesellte, dann hätte man ein schönes Stück, das man modifizieren müsste, gesamthaft ein schönes Musical. Mit einem kleinen Mehraufwand wäre das getan und die schöne Musik des Musicals Tell würde nicht verschwinden, nein, ich bin überzeugt, diese Kombination würde einen langjährigen grossen Erfolg darstellen und den Interlaker Tell-Spielen ein gewisses Remake verschaffen. Schade, dass die Berneroberländer bis anhin davon nichts wissen wollen. Auf jeden Fall sind Produzenten aufgefordert, sich dieses neuen Tell-Musicals anzunehmen. Das Tell-Musical, modifiziert und in einem grösseren Rahmen, könnte durchaus ein Erfolg sein.
Nun, dies ist Zukunftsmusik, jene, die gute Musik in den nächsten Tagen noch hören möchten, sollten sich auf den Weg machen, um jenen Tell anzusehen. Viel Spass!
Podcast der Radio-Top Sendung vom 22.3.2010:
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