Ansteckende Patienten bei der Musical-Premiere
Der 9. März 2010 war musicalmässig ein ganz besonderer Tag. In London war die Premiere des Sequels des wohl berühmtesten Musicals "The Phantom of the Opera" mit dem Titel "Love Never Dies". In der "Weltstadt" Cham kam gleichzeitig die Fortsetzung der Musicalerfolge "Hank Hoover" und "Keep Cool" von Marco Rima, die "Patienten", zur Welturaufführung. Die beiden Anlässe haben etwas gemeinsam: hüben und drüben waren die Erwartungen extrem hoch und man stellte sich die Frage: "Können die Protagonisten an ihre früheren Erfolge anknüpfen?"
Da mein Taschengeld nur für Cham reichte, durfte ich an diesem Dienstag nur der Premiere von "Die Patienten" beiwohnen.
Die Frage sei gestellt: "Hat Marco Rima die Erwartungen erfüllt?". Die Antwort ist einfach: "Ja!" Bekanntlich lesen heute die verwöhnten User, statistisch gesehen, häufig nur die ersten paar Zeilen eines Textes. Deshalb telegrafisch die Kurzbeurteilung:
Originelles neuartiges Musical - STOP - hervorragende Darstellerin - STOP - Isabelle Flachsmann - STOP - wunderschöne Musik - STOP - guter Tanz - STOP - witzige Einlagen - STOP-

Das tönt ja alles recht gut. Und es war auch gut, was man zu sehen und zu hören bekam, aber das Musical "Die Patienten" ist gewöhnungsbedürftig. Es kommt völlig ohne Bühnenbild aus und ersetzt dieses Element durch Filme, die als Kulisse dienen. Diese Vorgehensweise kennen wir von "We Will Rock You" und dem Musicalflop "Dirty Dancing", wo sie allerdings nicht überzeugte. Hier aber sind diese Einspielungen durchaus gelungen. Anfänglich stört es, aber am Schluss hat man sich an die neue Filmszenerie gewöhnt.
Die Musik ist einerseits rockig und andererseits balladenhaft. Songs wie "Was weißt Du schon", "Wo haben wir uns verloren", "Endlich vorbei" und "Ich falle" sind eingängig. Die Musik und zum Teil die Lyrics stammen von Derek von Krogh, der beispielsweise auch schon für Silbermond komponiert hat. Speziell ist der Song "Ich falle", der aus der Feder von Isabelle Flachsmann stammt. Alle Rollen werden gut gesungen und gespielt. Es sind in diesem Stück zu sehen: Ritschi, Bo Katzman, Marco Rima und die überragende Isabelle Flachsmann. Bedauerlicherweise konnte Mia Aegerter, die ebenfalls eine tragende Säule des Stücks ist, ihre Rolle am Premierentag nicht geben, da ihre Stimmbänder erkrankt waren.

Die Story stammt von Marco Rima, Isabelle Flachsmann und Michael Gremlich. Es sei offen ausgesprochen: Ein derartiger Renner ist diese Geschichte nicht, doch Achtung! Die wenigsten Musicalmacher wagen es heute, ein Musical auf die Beine zu stellen, das nicht irgendwelche Vorgaben kennt. Wir sprechen von Compilation-Musicals, welchen entweder eine berühmte Geschichte oder berühmte Songs zugrunde liegen. Marco Rima hat diese "Versicherung" nicht benutzt. Die gesamte Musik ist neu, die Story ist neu, alles ist neu. Das Musical baut einzig auf den Rima-Faktor.
Marco Rima ist, wie wir ihn kennen, überzeugend komisch. Festzuhalten ist, dass der zweite Teil aus meiner Sicht erheblich mehr überzeugt als der erste, ungefähr so wie beim ABBA-Musical "Chess". Marco Rima macht sich im ersten Teil zu rar, kommt quasi nur als "Pausenfüller" vor. Das schätzen die Zuschauer nicht sehr. Im zweiten Teil läuft es anders, denn dann begegnen wir auch der berühmten Rima-Komik z.B. in der Erwähnung der Tatsache, dass Ehepaare, die mehr als 10 Jahren verheiratet sind, nur fünf Minuten pro Tag miteinander reden. Rima meint nämlich dazu, es sei doch besser an einem Tag 60 Minuten zu reden, und dann zwölf Tage Ruhe voneinander zu haben. In diese Kategorie fällt übrigens auch das Begrüssungsvotum, das mich anfangs der Show überraschte: "Bitte suchen Sie die Toiletten nicht auf, Sie finden Papiertüten unter dem Sitz."

Überzeugend sind besondere Regieeinfälle bspw. wenn im Sanatorium oder in der Klinik Waldesheim das Personal und die Direktion im Rahmen einer Modeschau vorgeführt wird, wenn auf der Bühne ein ganzes Hasenballett stattfindet oder wenn der Beatboxer auftritt.
Was bleibt? Wer einen interessanten Abend haben will, sollte sich die Show - der Terminus wurde bewusst so gewählt - von Marco Rima anschauen. Der Funke auf das Publikum sprang über. Musical ist ein Containerbegriff und fast alles kann als solches bezeichnet werden. Aber wenn man sich die gesamte Geschichte und den Ablauf anschaut sind wir doch eher in einer Musikshow, wo die Geschichte nebensächlich ist, was einen an die alten ersten Musicals erinnert. Genau dieser Punkt wirft für mich die Frage auf: "Wird sich diese Produktion im Sinn eines mehrjährigen Erfolges durchsetzen?" Auszuschliessen ist es nicht, ich bin aber nicht sicher, ob sich das Publikum langfristig mit dieser neuen Darbietungsart anfreunden wird. Marco Rima ist es zu wünschen, er hat wieder einmal etwas Neues geschaffen und ist damit ein Abenteuer eingegangen. Der erste Schritt in dieses Abenteuer ist in jeder Hinsicht gelungen.
Feedback an Redaktion (Betreff bitte Patienten angeben)
Radiosendung von Radio Top
Bericht und Kritik von Daniel Fischer zur Premiere des Musicals vom 09.03.2010:
Fotos/Bilder vom 10. März 2010 mit Anne Maria Schmid als Ersatz für die kranke Mia Aegerter:
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