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The Laurence Olivier Awards 2010 - Der Abend

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Von der Selbstüberschätzung eines Zürcher Kritikers und der Kritik

Was hätte es für einen schönen Abend werden können, gestern, als ich mich fasziniert vor dem Laptop lümmelte, um mir die diesjährige Olivier Award-Verleihung anzuschauen. Eigentlich hätte auch gar nichts schief gehen können. Denn ich hatte bereits für beide Seiten meine Urteile abgegeben. Einerseits prognostiziert, dass "Sister Act" usw. der grosse Gewinner werden würde und andererseits nach den Nomination bereits befürchtet, dass die falschen gewinnen könnten. Wieso bin ich jetzt derart frustriert? Nun, ich habe das Gefühl, nachdem wir schon mit Lybien, Deutschland, USA, usw. im Streit stehen, hat mir persönlich nun auch England den Krieg erklärt. Diagnose: Die typische Selbstüberschätzung eines Kritikers sowie auch der Juroren in England.

Fazit ist, dass "Spring Awaikening" bzw. "Frühlingserwachen" der grosse Gewinner ist. Vier von sechs Preisen hat dieses Musical erhalten, die wichtigsten Preise für den besten Darsteller und das beste Musical. Zweiter in dieser Reihenfolge wurde die Revival-Produktion "Hello Dolly!", welches drei Awards erhielt. Auch hier wieder unter anderem beste Darstellerin und bestes Revival. Wieso bin ich nun überhaupt so frustriert? Ich will es juristisch-angelsächsisch begründen:

Der diesjährige Laurence Olivier Award ging an den falschen,

  • weil der grosse Sieger ein Musical ist, das wegen Erfolglosigkeit in London abgesetzt wurde,
  • weil demnach abgehobene Juroren die Reaktion des Publikums in keinerlei Weise würdigten,
  • weil das Ganze Unselbständigkeit beweist: Das Musical "Spring Awaikening" siegte in New York, in London wurde wieder einmal nachgeäfft,
  • weil es eine Frechheit ist, dass die Meinung eines solch wichtigen Kritikers, nämlich des Daniel Fischers, überhaupt nicht berücksichtigt wird,
  • weil ich, ob ich will oder nicht, wie ein simpler Zuschauer auf die Preisvergabe nicht den geringsten Einfluss ausüben kann,

Meine Damen und Herren, ich bin heute reifer geworden. Ich habe erlebt, was es heisst, richtig abgestraft zu werden, denn über Geschmäcker soll man streiten. Ich habe die Lehre dahingehend gezogen, dass es einfach nicht geht auf das einfache Publikum schnöde herabzugucken. Denn eines ist klar, Musical wie "Priscilla, Queen of The Desert", "Oliver!" und "Sister Act", meine Favoriten, laufen in London vor vollem Haus, die Sieger können sich solches nur erträumen.

Meine Frage ist: "Wie weit darf sich die Kritik vom Publikum entfernen?" Hier gibt es einiges festzuhalten: Seit langem sagt man, Musical seien die Opern für das Proletariat, nur einfache Gemüter neigen ihnen zu. Dies stimmt in dieser Form sicher nicht, aber die Londoner Juroren haben versucht, zu korrigieren, sie haben ein anspruchvolles Musical, nämlich jenes von Wedekind, "Frühlingserwachen", gekrönt. Sie setzten sich ab von jenem Erfolgssynonym, dass ein Musical nur Erfolg hat, wenn es lange läuft. Dies war nun bei "Frühlingserwachen" definitiv nicht mehr der Fall.

Wie viel Rücksicht muss Kritik nehmen? Sicher nicht auf jenen unbedeutenden Kritiker Daniel Fischer in Zürich, aber mehr auf das Publikum. Sollen die Looser des Publikums die Gewinner der Kritiker sein? Ich weiss es nicht, zumindest kann man die Diskussion darüber führen.

Lassen Sie mich auch etwas positives erwähnen: "Priscilla, Queen of The Desert" hat den Award für die schönsten Kostüme gewonnen. Ich muss sagen, dieser Preis ist definitiv verdient. "Wicked" wurde vom Publikum als das erfolgsreichste Musical gekürt. Dies ist sicherlich verdient und Trostpflaster für das seinerzeitige übergehen bei den Olivier Awards zugunsten von "Avenue Q".

Nun, meine Damen und Herren, nehmen Sie mich nicht so ernst. Letztlich ist wichtig, dass Musicals gefallen. Das Publikum hat jenem hochnäsigen Kritiker schon längst die Antwort gegeben, indem jene Musicals erfolgreich sind, die hier eben nicht gewonnen haben. Das müsste doch eigentlich die armen Juroren aus London auch einigermassen frustrieren.

 

Feedback an Redaktion (Betreff bitte Olivier angeben)

 

Die Preise

Bestes Tondesign: Frühlingserwachen

Beste Kostüme: Priscilla, Queen of the Desert

Publikumspreis: Wicked

Beste Nebenrolle: Iwan Rheon in Frühlingserwachen 

Beste Darstellerin: Samantha Spiro in Hello Dolly

Bester Darsteller: Aneurin Barnard in Frühlingserwachen

Bestes Revival: Hello Dolly

Bestes neues Musical: Frühlingserwachen

Beste Theaterchoreografie: Hello Dolly

 

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