Was kann man mit 50’000 Franken machen. Man kann sich zum Beispiel ein Auto kaufen (kommt oft vor) oder man kann eine Party mit Alkohol und promiskuitiven Damen für ein Vorstandsgremium einer Unternehmung finanzieren (ist auch schon vorgekommen) oder aber man kann – so wie Jürg Peter – ein Musical erschaffen. Nach dem Besuch der gestrigen Vorstellung im Saal des Restaurants Landhus in Zürich-Seebach, bin ich doch froh, dass Herr Peter sich für die dritte Variante entschieden hat.
Miriam ist ein Crossover-Musical in drei Akten. Der erste Akt beginnt im London der dreissiger Jahre und spielt in einem Waisenhaus. Die Leiterin – Frau Stahl (Adriana Schneider) dieses Hauses regiert mit eiserner Hand und lässt ihre Schützlinge die finanziellen Engpässe spüren. Unterstützt wird sie dabei durch ihre rechte Hand und Lakai Schmitze (Carlos Greull – welcher im 2. und 3. Akt sodann auch den Fernsehproduzenten Steel spielt). Am härtesten trifft es dabei die Protagonistin Miriam (Claudia Brunner im 1. Akt / Adriana Schneider im 2. und 3. Akt), welche mehr Zeit im schmutzigen Kohlekeller fristet als an der frischen Luft. Doch Miriam ist in ihrem Unglück nicht alleine. Sie trifft Tommy (Adrian Kousz), den Ausbrecherkönig. Dieser landet nach zahlreichen Heimaufenthalten und ebenso vielen Ausbrüchen im Heim von Frau Stahl. Miriam und Tommy verlieben sich und beginnen gemeinsame Fluchtpläne zu schmieden. Während dessen – und dies weiss Miriam nicht – erhält Miriam eine Erbschaft von beträchtlichem Umfang. Frau Stahl hält diese Information vor Miriam zurück und will sich die Erbschaft mit einer hinterhältigen List aneignen. Miriam soll im Unwissen um die Erbschaft fliehen und nie wieder auftauchen, jedoch erst nachdem die Heimleiterin Miriams Unterschrift fälscht und so Miriam die Erbschaft vermeintlich antreten lässt. Miriam und Tommy fliehen und verlieren sich aus den Augen. Im zweiten Akt befinden wir uns im Jahre 1973. Miriam hat geheiratet (nicht Tommy) und ist nun Grossmutter. Ihre Enkelin Sandy (Laura Fässler) erfährt von der Liebesgeschichte ihrer Grossmutter und Tommy und bringt sie dazu mittels eines Aufrufs im Fernsehen nach Tommy (Daniel Stüssi) zu suchen. Miriam wendet sich an den schwerreichen Produzenten Steel (Carlos Greull), dessen Reichtum auf dem in den dreißiger Jahren veruntreuten Erbe Miriams gründet. Miriam weiss davon aber immer noch nichts. Ob Miriam ihren Tommy wiederfindet, und ob Sie noch an ihr Erbe gelangt, wird an dieser Stelle nicht verraten, denn sonst hätte der geschätzte Leser keinen Grund mehr die Vorstellung zu besuchen, welche noch bis Sonntag täglich läuft.
Imscheinwerfer.ch und das Musical Miriam haben eine gemeinsame Vergangenheit. Unsere Online-Plattform übernahm die Ausschreibung des Castings und unterstütze dadurch die Möglichkeit hohe Qualität mit geringen Mitteln zu schaffen. Dabei sind die meisten Darsteller Amateure. Carlos Greull (u.a. Operissima Schaffhausen), Jürg Peter – welcher selbst im Cast von Space Dream mitwirkte –, Adriana Schneider (u.a. bekannt aus dem Cast des Gastspieltheaters Zürich 3 oder ebenso aus dem Operissima Schaffhausen) und Daniel Stüssi (mit u.a. mehr als tausend Vorstellungen im Cast von Space Dream) sind eigentlich die einzigen mit einer grösseren Bühnenerfahrung. Jürg Peter hat alle Songs selbst komponiert, arrangiert und spielt in der Band an den Vorstellungen jeweils mit. Die Musik und der Gesang sind live und das merkt man auch - im positiven Sinne. Die Produktion muss mit geringen Mittel auskommen und die meisten Darsteller übernehmen mehrere Rollen - was aber dennoch sehr professionell wirkt - und dies sogar manchmal ohne Gage. Man spürt dass hier Menschen ein Projekt mittragen, welche dies aus Freude an der Sache an sich machen und hierfür bereit sind Opfer zu bringen. Allein diese Tatsache hätte schon ein grosses Lob verdient. Der Mann im Hintergrund ist Jürg Peter, welcher übrigens mit "Crazy Days" schon vor Miriam ein Musical für die 2. und 3. Oberstufe schuf und die Feedbacks dazu nach Aussage Herrn Peters durchwegs positiv sind. Ein Mann mit vielen Facetten und einem Gespür für das Richtige. Die Musik ist eingängig und schön, wobei im 1. Akt die Musik an die dreißiger Jahre angelehnt ist und im 2. und 3. Akt, die Musik progressiv moderner und rockiger wird - deshalb auch "Crossover"-Musical. Man merkt nicht, dass die meisten der Darsteller wenig Bühnenerfahrung haben und die Darbietung strahlt eine innere Überzeugung aus, welche man spürt und welche die Darbietung überzeugend macht. Man darf aber nicht mit falschen Vorstellungen dieses Musical besuchen, den weder wird geprotzt und noch wird geklotzt. Man kann diese Aufführung nicht mit den grossen Musicals vergleichen, aber das soll man auch gar nicht. Das Bühnenbild ist einfach gehalten und setzt dadurch den Akzent auf die Darbietung der Darsteller und des Orchesters. Diese brauchen sich dann auch nicht im Schatten der grossen Musicals zu verstecken, sondern dürfen stolz sein auf das Erreichte. Es macht Freude Miriam zu sehen.
Nun noch was in eigener Sache: Leider musste ich aus gesundheitlichen Gründen die Vorstellung vorzeitigt verlassen. Aufgrund einer sich auskurierenden Muskelverhärtung am Rücken fiel mir das Sitzen etwas schwer (keine Sorge – die Stühle sind bequem und es lag einzig an mir). Es ist schwierig, eine komplette Kritik zu schreiben unter diesen Vorzeichen. Aber wenn Sie – geschätzte Leser – meinen Ausführungen zu dem Dargebotenen keinen Glauben schenken wollen, dann dürfen Sie sich täglich bis zum 10. September um 19.45 und am folgenden Sonntag um 15.00 Uhr gerne davon überzeugen, dass ich nur wahre Worte spreche. Tickets können noch unter www.musical-miriam.ch oder 078 627 12 93 reserviert werden. (u
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