«Musicals vermitteln auf leichte Weise viele Weisheiten.»
Seit diesem Frühjahr ist der 56-jährige Andreas W. Maurer Verwaltungsratspräsident der Thunerseespiele AG. Der Inhaber eines Wirtschaftsberatungsbüros in Thun, spricht im Interview über seine ersten hundert Tage an der Spitze des Theaterunternehmens. Er blickt etwas zurück, erwähnt die laufende Produktion «Titanic – das Musical» und gibt schliesslich bekannt, was im nächsten Jahr auf der Seebühne in Thun aufgeführt wird.
Andreas W. Maurer, seit ziemlich genau hundert Tagen stehen Sie als Verwaltungsratspräsident der Thunerseespiele AG vor. Wie lautet Ihre Bilanz nach dem ziemlich raschen Sprung ins kalte Thunersee(spiel)-Wasser?
Andreas W. Maurer: Am 13. März habe ich am Krankenbett vom schwer gezeichneten Res Stucki, die neue Aufgabe übernommen. In konkreten Zahlen bedeutete dies seither ein zusätzliches Arbeitspensum von bisher dreissig Tagen. Besser wäre allerdings der Begriff Nächte, die bestens ausgefüllt waren mit zahlreichen Sitzungen, auf Verwaltungsrats-und Geschäftsleitungs-Stufe, mit vielen Partnern sowie mit praktisch allen festangestellten Mitarbeitenden. Dazu kam eine vertiefte Auseinandersetzung mit vierzig Bundesordnern, die von einem Tag auf den andern sehnsüchtig darauf warteten, gelesen zu werden.
Wie schwierig war die Aufgabe für einen Mann wie Sie, der doch auf eine 20-jährige Beratertätigkeit für Organisationen und Unternehmungen in verschiedensten Branchen zurückblicken kann?
Andreas W. Maurer: Die Bewältigung der ausserordentlichen und schwierigen emotionalen Situation war nicht einfach. Sie brach zwar nicht ganz unvorhersehbar über die Thunerseespiele herein, das letztlich doch sehr plötzliche Ableben von Res Stucki erschütterte die Unternehmung aber in den Grundfesten. Das brachte der eh schon ziemlich stark unter Zeit-und Vorbereitungshochdruck stehenden Thunerseespiel-Truppe viel zusätzlichen Aufwand.
Ist die Führung und Organisation eines Theaterunternehmens, im Vergleich zu anderen KMUs die Sie betreuen, denn so wesentlich anders?
Andreas W. Maurer: Die Problemstellungen eines Musical-Betriebes muten auf den ersten Blick einzigartig an. Was auf die Menschen und den künstlerischen Bereich sicher zutrifft. Was aber die Voraussetzung und Rahmenbedingungen angeht, bis überhaupt ein Musical aufgeführt werden kann, so meine ich, gelten etwa die ungefähr gleichen Gesetze wie bei einer Unternehmung oder in einer Haushaltung schlechthin. Es braucht motivierte Mitarbeitende, die ihre Aufgabe beherrschen und sich für das Produkt und allem was dazu gehört, engagiert einsetzen. Es braucht Menschen mit Visionen und der Fähigkeit, diese mit den verfügbaren Mitteln in ein begehrtes Produkt umzusetzen. Und es braucht solche, die dafür zu sorgen vermögen, dass Menschen, Kreativität und (Geld-)Mittel allesamt wohltemperiert aufeinander abgestimmt sind.
Und konkret, was wurde bisher erreicht?
Die Neuorganisation auf Stufe Verwaltungsrat / Geschäftsleitung bewährt sich, wir reissen alle am selben Strick, die Informationsflüsse in beiden Richtungen sind mittlerweile eingespielt. Gleiches darf ich von den motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sagen, von denen die meisten kaum länger als ein Jahr an Bord der Thunerseespiele sind und die ausnahmslos alle – wie ich aus den in diesen Tagen geführten Mitarbeitergesprächen entnehmen durfte – hochmotiviert, nein, seespielsüchtig ihren Beruf und ihre Berufung Thunerseespiele ausleben.
Wir sind alle sehr dankbar, dass sich Elsbeth Jungi Stucki so stark für das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes engagiert und für den Fortbestand der Thunerseespiele einsetzt. Und dass sie den Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung mit Verve konstruktiv-kritisch sowohl fordert als auch unterstützt. Ohne sie wäre die Neupositionierung des Unternehmens nicht so rasch vorangekommen.
Zur aktuellen Produktion «Titanic – das Musical», wie läufts?
Andreas W. Maurer: Was ich von aussen wahrnehme, ist das ganze Team hochmotiviert. Regisseur Max Sieber versichert mir, dass sie im Zeitplan sind. Und das Wichtigste: Das Publikumsinteresse an «Titanic – das Musical» ist sehr gross, im Vorverkauf im Vergleich zu den Vorjahren sogar darüber. Und das ist beruhigend. Wir sind aber mit der Kommunikation von Zahlen zurückhaltend, weil wir in der breiten Öffentlichkeit nicht den Anschein erwecken mögen, es gäbe keine Karten mehr. Es hat also noch Plätze für jedermann, jede Frau, jedes Kind. Die Vorbereitungen zur Titanic 2012 laufen also vorbildlich, aber was vielen Aussenstehenden vermutlich nicht bewusst ist: Die 'Aufgleisung' der Folgesaison – also fürs 2013 – muss spätestens ein Jahr im Voraus ebenfalls 'stehen'. Und das erst recht dann, wenn man nicht ein Stück sozusagen 'ab Stange' sondern in Eigenproduktion auf die Bühne zaubern will!
Die Frage taucht ja immer wieder vor einer Premiere auf. Was folgt danach? Was ist für 2013 geplant?
Andreas W. Maurer: Nach den beiden erfolgreichen Lancierungen der Musicals «Dällebach Kari» und «Gotthelf» durch den Heimatland-Verlag, ist wieder eine Eigenentwicklung geplant. Wir haben uns vom Diogenes-Verlag in Zürich die Rechte für eine Musicalaufführung von «Der Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt gesichert. Es ist wohl sein berühmtestes Werk und das im deutschsprachigen Raum wohl am meisten aufgeführte Theaterstück überhaupt. Die Besucher der Thunerseespiele werden im nächsten Sommer also wieder eine Welturaufführung erleben.
Friedrich Dürrenmatts Drama «Der Besuch der alten Dame» wurde bereits in den Fünfziger Jahren geschrieben und gehört zu den meistgespielten Theaterstücken deutscher Sprache. Und nun kommt es als Musical erstmals in Thun auf eine Bühne. Ist das Stück noch zeitgemäss?
Andreas W. Maurer: Ich denke, die tragische Komödie, die davon ausgeht, dass sich mit Geld alles kaufen lässt, ist aktueller denn je. Begriffe wie Geld, Gier, Neid, Missgunst, Medien oder auch wie man mit Recht oder Unrecht umgeht, sind auch heute allgegenwärtig.
Wer entwickelt das Stück, wer schreibt die Musik?
Andreas W. Maurer: Wir haben praktisch das gleiche Team zusammen, das auch schon «Dällebach Kari –das Musical» entwickelt hat. Für Buch und Stückentwicklung ist Christian Struppeck zuständig. Und für die Regie Andreas Gergen. Er passt sehr gut zur Tragikkomödie von Dürrenmatt. Gergen spielt bekanntlich, wie man bei Dällebach sehen konnte, nach dem Shakespeare-Prinzip mit den Gefühlen. Das heisst, den dramatischen Momenten gehen immer lustige Szenen voraus. Die Musik schreibt der Schweizer Moritz Schneider. Die Arrangements liefert der Engländer Michael Reed, der ja grosse Erfahrung mit Kultfiguren hat. Da passt die alte Dame ganz gut dazu. Choreographiert wird das Stück vom vielgefragten Schweizer Simon Eichenberger. Die Texte in Schriftsprache verfasst Wolfgang Hofer.
Und wer spielt die alte Dame?
Andreas W. Maurer: Die Hauptrollen sind noch nicht vergeben. Es stehen mehrere alte Damen zur Diskussion.
Ganz persönlich befragt: Wo bedienen Sie sich eigentlich selber im grossen Kulturangebot der heutigen Zeit? Welches sind Ihre persönlichen Vorlieben?
Andreas W. Maurer: Ich möchte mich nicht auf ein Lieblingsmenu festlegen, sei das im kulturellen oder auch im kulinarischen Bereich. Darin liegt eine Gefahr, dass man sich für Wertvolles verschliesst, welches das Leben auch noch anbietet. Ich bin also ein vielseitig interessierter Mensch, der von Klassik bis zu moderner Musik für sehr vieles aufgeschlossen ist. Das Musical ist für mich die Weiterentwicklung von Oper und Operette. Und eine hervorragende Möglichkeit Musik, Theater und Tanz einem breiten Publikum näher zu bringen.
Welches kulturelle Erlebnis der Thunerseespiele hat sie in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?
Andreas W. Maurer: Ganz spontan fällt mir die Res Stucki-Gedenkfeier in diesem Frühjahr in der Stadtkirche Thun ein. Die Wucht der Gefühle, die dabei zusammen gekommen sind, ein Mix aus Besinnlichkeit, Melancholie, Ewigkeit war verspürbar und gleichzeitig der starke Wille von allen, wir wollen weiterfahren. Das Leben geht weiter. Diese Symbolik des Kreislauf von Leben und Tod, in welchem wir uns alle bewegen, wurde eindrücklich vorgeführt.
Eine starke Wirkung auf mich hatte auch die Vorstellung von I Salonisti anlässlich der Titanic-Gedenkfeier in der Französischen Kirche in Bern. Ich bewunderte dort wie es die Musiker schafften, das Geschehen jener Schicksalsnacht auf eine musikalische Ebene zu bringen und wie sie mit ihrem virtuosen Spiel so viele starke Gefühle in mir auslösten.
Als drittes möchte ich das letztjährige Musical Gotthelf erwähnen. Wie es dem Kreativteam gelungen ist, auf leichte und populäre Weise soviele Weisheiten eines Menschen zu vermitteln, die bis heute immer noch aktuell sind. Und natürlich trägt auch die grossartige Naturkulisse der Seebühne immer wieder zu einem überwältigenden Erlebnis bei.
Die Werte unserer Welt sind in rasende Bewegung geraten. Welche Aufgaben hat die Kultur in diesen kurzlebigen Zeiten eigentlich noch?
Andreas W. Maurer: Sehr wichtige! Ich habe einmal in einer Zeitung den Satz gelesen: Unsere Welt ist zu einem kleinen Dorf geschrumpft. Aber die Dinge, mit denen wir uns umgeben, sind zu einem unbegreiflichen Universum gewachsen. Gerade darum haben kulturelle Erlebnisse eine wichtige Aufgabe. Sie bieten die Möglichkeit, für ein paar Stunden in eine andere Welt einzutauchen. Die Thunerseespiele versuchen jedes Jahr von neuem ideale Gelegenheiten zu bieten, aus dem kurzlebigen, hektomatischen Alltag auszubrechen. Um dort auf spielerische Weise Botschaften zu erfahren, die tiefsinnigere Aussagen beinhalten. Ganz nach dem Credo der Thunerseespiele «Zusammen träumen».
Was nicht heisst, dass Sie fortan sorglos in die Zukunft träumen können...
Andreas W. Maurer: Openair-Aufführungen, egal ob Musical, Theater oder rein konzertante Darbietungen, gelten allesamt grundsätzlich als 'Hochrisiko-Unternehmungen'. Kommt das neue Stück beim 'einheimischem' Publikum an? Gelingt die Inszenierung des Themas? Ist alles auf die Première hin rechtzeitig startklar? Sind die Sponsoren zufrieden und bleiben sie uns treu? Und schliesslich das, was uns allen den ultimativen Nervenkitzel bis zur letzten Vorführung gibt: Macht das Wetter mit? Als Verwaltungsratspräsident der Thunerseespiele mache ich jetzt eine Prognose, die es punkto Zuverlässigkeit mit jener der Wetterpropheten aus dem Muotatal durchaus aufnehmen kann. Hier ist sie: Ab dem 10. Juli
bis 30. August wird Thun in schönstem Sommerwetter erstrahlen, abgesehen von einigen erfrischenden Abkühlungen, die ausnahmslos vor oder erst nach den Seespiel-Aufführungen erfolgen werden!
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