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Die Stadt der Blinden – Das Grauen der menschlichen Niederträchtigkeit

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Oper in 5 Akten von Anno Schreier nach dem Roman von José Saramago, Libretto von Kerstin Maria Pöhler, circa 120 Minuten Spielzeit

Uraufführung am 12. November 2011 in Zürich
Weitere Aufführungen im Opernhaus Zürich: 15. November 2011, 17. November 2011, 25. November 2011 und 4. Dezember 2011

Am Samstag, 12. November 2011, feierte das Opernhaus Zürich die Uraufführung der Oper „die Stadt der Blinden“. Der Auftrag vom Opernhaus für dieses Stück ging aus einem Kompositionswettbewerb, dem Teatro Minimo, hervor. Der Gewinner des Wettbewerbs, Anno Schreier, erhielt den Zuschlag eine abendfüllende Oper zu einer Romanvorlage zu schreiben. Dies tat er auch und als er auf die Regisseurin und Autorin Kerstin Maria Pöhler stiess, hat er wohl das perfekte literarische Pendant zu seinem musikalischen Schaffen gefunden.

Zum Inhalt:

1. Akt: Die Quarantäne, Woche 1

In einer Stadt bricht eine Epidemie aus. Die Bewohner erblinden alle, doch anstatt der üblichen Dunkelheit sind die Blinden von strahlendem Weiss umgeben. Die Krankheit ist hoch ansteckend, daher erlässt die Regierung den Befehl, dass alle Infizierten in eine Quarantänestation, eine still gelegte Irrenanstalt, zusammen geführt werden. Die erste Szene beginnt genau dort: Ein Augenarzt, seine Frau, eine junge Frau mit dunkler Brille und ein Junge liegen in einem trostlosen Raum. Sie besingen ihr Leid und ihre Blindheit. Man erfährt, dass die Frau des Augenarztes jedoch nach wie vor sehen kann.

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Nach und nach kommen weitere Menschen hinzu: Der erste Blinde, von dem die Krankheit ausgegangen ist, seine Frau, ein Autodieb, der den ersten Blinden bestohlen hat, dessen Frau, ein Polizist, der den Autodieb nach Hause gebracht hat als er erblindete und ein Zimmermädchen, welches die junge Frau mit der dunklen Brille im Hotelzimmer nach deren Erblindung entdeckt hat. 

Alle sind miteinander verbunden, der Autodieb und der erste Blinde gehen aufeinander los, als sie feststellen mit wem sie den Raum teilen. Tapsend und die Fäuste durch die Luft wirbelnd versuchen sie sich zu prügeln. Der Augenarzt und seine Frau verhindern Schlimmeres. Der Autodieb belästigt die junge Frau mit der dunklen Brille, sie wehrt sich in dem sie ihren Schuhabsatz in sein Bein bohrt. Die Wunde wird behelfsmässig mit Fetzen vom Hemd des Mannes verbunden, zum Zerschneiden wird eine Schere genutzt, welche die Frau des Augenarztes in ihrer Handtasche findet. Die Wunde entzündet sich und er beginnt zu fiebern. Als er sich nach draussen traut, um frische Luft zu atmen, wird er von den Wache stehenden Soldaten erschossen.

2. Akt: Die Enge, Woche 2

Die junge Frau fühlt sich schuldig am Tod des Autodiebs. Die Insassen der Irrenanstalt sind verunsichert wegen des gewaltsamen Todes des Mitinsassen. Der Arzt und seine Frau holen die Essensration, stellen aber fest, dass nur für die Hälfte der Erblindeten Essen mitgegeben wurde. Der Polizist fordert zum Aufstand gegen die Soldaten auf. Die Frau des ersten Blinden singt ein wehmütiges Lied.

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Ein alter Mann mit einer Augenklappe, der zuvor beim Augenarzt in Behandlung war aufgrund seines grauen Stars, kommt zu den anderen Insassen hinzu. Er und die Junge Frau fühlen sich zueinander hingezogen. Der alte Mann hat ein Radio dabei und berichtet, als letzter Neuankömmling, wie es ausserhalb der Irrenanstalt, in der wirklichen Welt, aussieht. Die Blinden entsinnen sich nun dem letzten Kunstwerk, dass ihre Augen gesehen haben, welche Verschwendung ist nun die gesamte Kunst, wenn niemand sie mehr sehen kann!

3. Akt: Der Klassenkampf, Woche 3

Es herrscht ein Überlebenskampf, man prügelt sich um die Essensrationen. Die Frau des Augenarztes möchte den anderen mitteilen, dass sie noch immer sehen kann. Ihr Mann hält sie davon ab. Sie werde sonst zur Sklavin aller gemacht.

Der Polizist und der Apothekengehilfe haben ein Terrorregime errichtet. Sie werden nun fortan diejenigen sein, die das Essen am Eingang holen gehen und werden es nur im Tausch gegen Wertgegenstände an die anderen Blinden abgeben. Als es keinen Schmuck und kein Geld mehr zu holen gibt bei den anderen, verlangen sie Frauen als Gegenleistung. Ein Streit unter Frauen und Männern bricht aus: Wer soll gehen? Ist es nicht besser zu verhungern, als seine Würde zu verlieren? Die Frauen erklären sich dazu bereit sich den Unterdrückern hinzugeben.

4. Akt: Höllenqualen, Woche 4

Die Frau des Augenarztes hat den Befehlshaber der Unterdrücker mit der Schere ermordet, ihr Kleid ist blutbeschmiert. Die Unterdrücker verlangen, dass die Unterdrückten die Mörderin herausgeben. Die Frau des Augenarztes wird von allen gejagt, in Szene gesetzt durch die treppenförmige Anordnung der Bühne.

Das Zimmermädchen legt einen Brand und erliegt dem Feuertod. Die anderen retten sich ins Freie.

5. Akt Erlösende Freiheit, Woche 5

Freiheit ist ein grosses Wort, doch scheinen die Insassen, nun plötzlich frei, immer noch Gefangene ihrer selbst zu sein. Sie besingen ihre Ängste, der alte Mann fühlt sich alt, die Frau des Augenarztes zeigt Reue am Mord, der Augenarzt fühlt sich ohnmächtig und die junge Frau hält sich für zu jung.

Doch nun setzt Jubel ein: die Blinden sehen plötzlich wieder. Die Frau des Augenarztes fürchtet nun jedoch selbst zu erblinden...

Die Umsetzung ist sehr gut gelungen. Der Eindruck des totalitären Regimes wird durch Einsatz der Sirenen und der monotonen Stimme, welche die Regeln des Zusammenlebens in der Irrenanstalt verliest, gut verdeutlicht. So werden die Bürger aufgefordert Verantwortung für die anderen Bürger zu  übernehmen, das Gruppenphänomen und die Last der Verantwortung für das eigene Volk ein vielfach genutztes Instrument herrschender Diktatoren.

Musikalische Leitung: Zsolt Hamar

Inszenierung: Stephan Müller

Bühnenbild: Michael Simon

Kostüme: Carla Caminati

Lichtgestaltung: Elfried Roller, Michael Simon

Choreografie: Ramses Sigl

 

Sandra Trattnigg (Die Frau des Augenarztes)

Reinhard Mayr (Der Augenarzt)

Rebeca Olvera (Die junge Frau mit der Brille)

Valeriy Murga (Der Alte Mann)

Morgan Moody (Der Erste Blinde)

Irène Friedli (Die Frau des Ersten Blinden)

Peter Sonn (Der Autodieb),

Andreas Hörl (Der Polizist)

Andreas Winkler (Der Apothekergehilfe)

Sen Guo (Das Zimmermädchen)

Thomas Tatzl (Der Taxifahrer)

Naomi Rhomberg (Der Junge)

Mitglieder des Orchesters der Oper Zürich

Ein Hoch auf Stephan Müller, der die szenische Umsetzung meisterlich ernst genommen hat und das Elend und die Tragödie, die menschliche Unwürde und die Niederträchtigkeit mit kleinen Facetten zu betonen weiss. Die Choreographie auch passend einstudiert und die Köstume sind gut. Das Buch wurde verstanden, das Libretto von Kerstin Maria Pöhler stellt eine fantastische Vorlage für das Stück dar. Die Vereinfachung und Minimierung der Figuren, Archetypen der Menschlichkeit, ist grandios gelungen. Das Libretto als ein Meisterwerk, eine Vereinfachung und Konzentration hat hier stattgefunden, die Schlüsselszenen und die Gefühle im Roman genau nachbildend. Details und Leckerbissen wurden eingebaut, ohne die dieses Stück nur halb so gut wäre. Sätze wie: „Wir waren schon blind, ehe wir erblindet sind“ oder das Zögern der Frau des Arztes, ahnend, dass sie zu Schlimmem bereit sein wird: „Wie findet das Wort zum Gedanken, der Gedanke zur Tat?“ sind genial und spiegeln auch die Stimmung und die Sprache des Buches wieder.

Die Reduzierung auf den Beruf, beziehungsweise die Zugehörigkeit (zum Beispiel der Augenarzt und die Frau des Augenarztes), werden bereits durch die Romanvorlage vorgeben und durch eine Szene im 1. Akt verdeutlicht: „Wozu noch Namen?“. Nicht nur werden die Figuren auf ihren nun sowieso völlig bedeutungslosen Beruf minimiert, sie geben sich auch noch Nummern, so dass sie wissen wie viele sich im Raum befinden. Das Individuum verkommt so zur namenlosen Nummer, wird gar zum blinden Tier, so im 3. Akt als das Grauen auf die Spitze getrieben wird mit der Vergewaltigung der Frauen. Die Romanvorlage ist hier unbarmherziger mit dem Leser, die Oper hat den Vorteil dass im „Schaukasten“ solche Szenen nicht dargestellt werden können. So werden die Frauen in der Bühne versenkt. Stille begleitet sie. Wie sollte man eine solche Gräueltat auch vertonen?

Was bei anderen modernen Aufführungen im Opernhaus teilweise zu spartanisch scheint, ist bei dieser Aufführung genau richtig: Die Trostlosigkeit des menschlichen Seins und das Fehlen des Augenlichts benötigen nicht mehr als drei Wände auf der Bühne. Die Bühne im Übrigen stets in Bewegung mit veränderbaren Ebenen und auch die Wände stehen am Schluss nicht still. Wir befinden uns in einem quadratischen Irr-Garten, einer Art Hölle wie im Horrorfilm „Cube“. Nur ein kleiner quadratischer Durchgang führt aus der Hölle hinaus. Auf dieser Bühne musste gespart werden und Michael Simon, der für das Bühnenbild zuständig ist, hat es verstanden die trostlose Stimmung einzufangen. Unterstützt werden die sich bewegenden Elemente der Bühne durch Projektionen der unebenen Wand auf eben dieser und durch genial gesetzte Lichteffekte, auch hier ein Kompliment an Elfried Roller und wiederum Michael Simon, welche für die Lichtgestaltung zuständig sind. 

Kritikpunkte gibt es wenige. So aber ist die Schere, die im Roman erst nach der Erhebung der Tyrannen auftaucht, viel zu früh Teil der Inszenierung. Ausserdem wird das Licht gelöscht, obschon es doch an bleiben sollte, so die befehlende Stimme aus dem Lautsprecher. Der schielende Junge, welcher seiner ihm aufgetragenen Aufgabe sicherlich nur nachkam, singt in befremdend einfacher Diatonik.

Als die Frau des Augenarztes in einer Szene des 3. Aktes dem Unterdrücker Paroli bietet, meint dieser zu ihr: „Deine Stimme vergesse ich nicht“ und sie erwidert im Roman: „Und ich nicht dein Gesicht“. Dieser Schlüsselszene wurde von der Librettistin weggelassen

Musikalisch erinnert die hochdramatische Musik an Hitchcock-Filme aus den Sechzigerjahren. An spannungsaufbauenden Momenten mangelt es in keiner Szene.

Die Reflexionen der Protagonisten enden teilweisen im chaotisch empfundenen Tutti. Disharmonien als Zeichen der Trostlosigkeit, Trommelwirbel werden eingesetzt um die Spannung weiter auf zu bauen, Kastagnetten um die Dramatik noch zu verstärken. Mystisch und bedrückend anmutend der Schluss mit dem Einsatz der Bratschen, obschon die Figuren wieder sehen können, sind sie doch nicht frei. Auch sonst bedient sich Anno Schreier Elementen, die das Geschehen auf der Bühne verstärken und lautmalerisch begleiten. Die Beziehung des ersten Blinden und seiner Frau weist verschiedene Ebenen auf und als die Frau zu einem Klagelied der Erinnerungen an bessere Zeiten ansetzt, erkennt man ansatzweise einen portugiesischen Fado, wunderschön gesungen von Irène Friedli. Kontraste setzt der Komponist gerne, so lässt er das Zimmermädchen (Sen Guo), welches durch das Feuerlegen selbst zur Märtyrerin wird, mit ihrem Koloratursopran gar von Pauken begleiten. Schauspielerisch ist die Besetzung fantastisch, besonders hervorzuheben hierbei die Frau des Arztes, gespielt von Sandra Trattnigg und Reinhard Mayr, der den Augenarzt mimt.

Der Schriftsteller, José Saramago, wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seine Mutter war Analphabetin, sein Vater lediglich begrenzt fähig zu lesen. Seine gymnasiale Ausbildung musste er aus finanziellen Gründen abbrechen und so erlernte er einen technischen Beruf und wurde Automechaniker. Durch den Besuch von Bibliotheken in seiner Freizeit und das autodidaktische Studium portugiesischer Literatur, war er bald in der Lage für Zeitungen und Verlage zu arbeiten. Das damals totalitäre portugiesische Regime war ihm nicht Freund: Er übte klare Kritik an der Diktatur und schloss sich der kommunistischen Partei an. Saramago war Atheist und wurde durch den Vatikan und durch die portugiesische Kirche angefeindet und war als Ketzer verschrien. Im Jahre 1995 erschien der Roman „Die Stadt der Blinden“, für welchen er 1998 den Nobelpreis für Literatur erhielt. 2010 starb Saramago im Alter von 87 Jahren, 2009 hatte er Anno Schreier die Rechte zur Vertonung der Romanvorlage erteilt.

Der Besuch der Oper und das Lesen des Buches seien empfohlen, der Film, in dem unter anderen Julianne Moore, Danny Glover und Mark Ruffalo mitspielen, kann getrost in der Videothek gelassen werden. Im Film erhalten die Figuren zu wenig Persänlichkeit, die Charaktere sind flach und missen die benötigte Tiefe um zu berühren. Die Oper wird noch vier Mal im Opernhaus Zürich aufgeführt werden, drei Vorstellungen davon gar zu Volksvorstellungspreisen buchbar.

 

 

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