Standort: Start Theater Berichte / Rezensionen Der ideale Mann, das ideale Leben und die ideale Gesellschaft. Hauptsache ideal!

Musical Berichte - Film - Theater - Oper Schweiz - Imscheinwerfer.ch

Der ideale Mann, das ideale Leben und die ideale Gesellschaft. Hauptsache ideal!

Drucken

Gesellschaftskomödie in vier Akten. Premiere 9. Dezember 2011, Schauspielhaus Zürich (Pfauen)

Mit:

Markus Scheumann (Sir Robert Chiltern), Ludwig Boettger (Lord Caversham), Patrick Güldenberg (Lord Goring, sein Sohn), Janina Schauer (Phipps, Lord Gorings Diener und Mason, Sir Robert Chilterns Butler), Isabelle Menke (Lady Chiltern), Julia Kreusch (Mabel Chiltern), Susanne-Marie Wrage (Mrs. Cheveley), Miriam Maertens (Lady Markby)

Regie: Tina Lanik, Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Su Sigmund, Musik: Rainer Jörissen, Licht: Frank Bittermann, Dramaturgie: Thomas Jonigk

mann_0440

Elfriede Jelinek beehrt uns in dieser Saison mit einem weiteren Meisterstück. Nach dem Dauerbrenner, dem einzigartig erfolgreichen Einfrau-Stück „Rechnitz“, hat sie sich der Umsetzung Oscar Wilde’s Gesellschaftskomödie „An Ideal Husband“, frei übersetzt „Der Ideale Mann“, angenommen. Die Literaturnobelpreisträgerin hat die Sprache, wie gewohnt von ihr, als ihr Instrument und Werkzeug gekonnt auch in diesem Stück eingesetzt und Oscar Wilde’s Spitzen im Text verstärkt, sehr zum Genuss des Publikums.

Der schmale Grad zwischen gesellschaftlichem sowie finanziellem Erfolg und ethischem wie auch moralischem Gewissen ist in der Zeit, in der wir leben, so aktuell wie zu Wilde’s Lebzeiten. Die ausländischen Milliarden die Schweizer Banken verwalten, Offshore-Geschäfte, Hedge Funds auf den Cayman Islands und die Ausbeutung Drittweltländer um unsere Wohlfahrt zu steigern – was ist noch ethisch vertretbar? Wo ist unser soziales Gewissen? Wie blind gehen wir durch die Welt? Kann eine ehrliche Existenz auf unlauteren Geschäften aufgebaut werden?

Diese Fragen stellen sich die Protagonisten in sehr amüsanter und rasanter Weise. Die Komik ist gegeben, das Publikum reagiert auf die fast schon slap-stick-artigen Darstellungen der Schauspieler mit Lachern. Die Politik, die Tina Lanik in das Spiel eingebracht hat, ist kein unbekanntes Feld für sie. Hat sie doch Politikwissenschaften in Wien studiert mit dem Ziel eines Tages auf der Bühne der Diplomatie zu agieren. Daraus wurde jedoch nichts – das Theater und die richtige Bühne hat sie zuerst entdeckt und wie sie selbst sagt, ist sie daran hängen geblieben.

Die grandiose schauspielerische und auch komische Leistung aller involvierten Schauspieler packt das Publikum, welches dankbar das leicht verständliche Schauspiel aufnimmt. Anders als bei vielen modernen Interpretationen, haben Elfriede Janik und Tina Lange den Text Text sein lassen, ihn an den richtigen Stellen verstärkt und sind dem Original weitaus treu geblieben. Auch ist der Schwierigkeitsgrad, den gewisse moderne Stücke mit sich bringen, nicht vorhanden, es ist ganz einfach schön ein Stück zu sehen und zu verstehen um was es geht.

Die Bühne ist simpel gehalten, doch mit mehreren Tiefen versehen. Der erste Akt spielt in einem Vorraum der offensichtlich zu den Toiletten führt, ein Ort an dem man sich zwangsläufig an einem gesellschaftlichen Anlass treffen muss. Die Hektik und das wilde laute Treiben der Party bleiben hinter den Türen die zum Festsaal führen, die Figuren stolpern in den ruhigen und einfach gehaltenen Raum und begehen nun allerlei dreckige und berechnende Verbrechen an den Ehegatten und an sich selbst. Der selbstverliebte, arrogante und lüsterne Sir Robert Chiltern (Markus Scheumann) ist für die stets tugendhafte und über allem erhabene Lady Chilern (Isaelle Menke) der ideale Ehemann. Isabelle Menke, welche auch schont in Jelinek’s Stück „Rechnitz“ zu überzeugen wusste, spielt die liebende und überaus korrekte Ehefrau sehr authentisch, die perfekte Lady. Er bietet ihr den Status den sie wünscht, in der Politik und in der Londoner Gesellschaft ist er ein angesehener Mann. Ihr würde es nie in den Sinn kommen, dass der Start in dieses so perfekte Leben ethisch nicht ganz vollkommen war, verschliesst die Augen vor dem Offensichtlichen. Um seine Korrupiertheit gegebenfalls zu enthüllen und um ihr eigenes Projekt voranzutreiben, kommt Mrs Cheveley nach London: Gerissen und auf ihren Vorteil aus, spielt Susanne Marie Wrage die Intrigantin ganz vorzüglich. Das zuckersüsse falsche Spiel zwischen Mrs. Cheveley und Lady Chiltern wird von Lady Markby moderiert, Miriam Maertens als Lady Markby beweist hier vorzügliches komödiantisches Talent. Sich als Märtyrerinnen bezeichnend, bemitleiden sich Lady Markby und Mabel Chiltern, die Besuche dieser langweiligen Soireen ein leidiger und doch notwendiger Teil ihres Lebens. Eine Vereinfachung bei den Figuren wurde vorgenommen, jedoch nicht zum Nachteil des Stücks. Die Einheit ist gegeben, der rote Faden ersichtlich. Die Sexualität allgegenwärtig, das ständige Flirten als Zeichen der Spannung die sich immer wieder coital in den Toiletten zu entladen scheint, ist meisterlich gelungen. Das stets lockende, aufreizende Dienstmädchen Phipps, in einer Doppelrolle spielt sie auch den Buttler Mason, reizt mit ihren überlangen Beinen und dem üppigen Dekoltee die Männer, ziehen sie mit den Augen förmlich aus und folgen ihr mit eben diesen über die Bühne. Janina Schauer, Novizin am Schauspielhaus Zürich, räkelt sich lasziv im Türrahmen, streckt den Beckenboden zum Publikum, ihr Schmollmund bereit für Schandtaten. Die einfältige Schwester Sir Robert Chilterns, Mabel Chiltern (gespielt von Julia Kreusch) findet in dem ewigen Junggesellen Lord Goring (Patrick Güldenberg) vielleicht ja doch noch ihr amouröses Pendant. Lord Goring zum Schluss wirkt geläutert, Sir Robert Chiltern bemitleidet sich dann doch selbst am meisten und scheint auch zum Schluss nichts aus der ganzen Misere gelernt zu haben.

Die Textvorlage Wilde’s  schon überaus sarkastisch und anzüglich, wird von Elfriede Janik auf die Spitze getrieben und mit Wortspielen versehen, die ein Schmunzeln hervorrufen müssen. So wird vom gewissen gewissenlosen Baron Arnheim gesprochen, von unehelichen, ähm unehrlichen Geschäften, der Komplizität, nein Kompliziertheit gewisser Dinge. Die Dialoge sind gespickt mit trivialer Genialität und gleichzeitig genialer Trivialität. Die Inszenierung, wie bereits erwähnt das einfache und doch absolut genügende Bühnenbild, wird unterstützt durch den richtigen Einsatz der Musik und dem nahtlosen Übergang der Akte. Schöner Nebeneffekt eines Stücks aus dieser Zeit: Dem Manne wird die Vernunft zugesprochen, einzig das starke Geschlecht fähig den gesunden Menschenverstand zu nutzen. Den Frauen ist die Welt der Gefühle eigen, das weibliche Leben nur als Stütze für das weiaus bedeutungsvollere männliche Sein zu verstehen. Der komödiantische Schleier wird über diesem gesellschaftskritischen Stück gelegt und lässt die Zuschauer leicht beschwingt und doch reflektierend in einer korrupten und egoistischen Welt zurück.

Ein Must in dieser Saison. Es lohnt sich zwei Mal zu gehen, denn das  vorgelegte Tempo lässt kaum zu, dass alle Spitzen und Spitzfindigkeiten erwischt werden und gebührend darauf reagiert werden kann. Ein Bravo an alle Involvierten!

 

Newsletter abonnieren

Nach der Registrierung erhalten Sie ein Bestätigungsmail.










Spielpläne Theater


Aktuelle Berichte

Aus der Agenda


Neueste Nachrichten

Meist gelesen