Aufklärung unter der israelischen Mauer
233 Jahre nach seinem Erscheinungsjahr spielt das Theater St. Gallen Lessings Nathan der Weise und zeigt, dass die Thematik dieses Werkes bis zur heutigen Zeit nichts an Aktualität verloren hat.
Unbarmherzig thront die israelische Mauer über einer trostlosen Kulisse aus achtlos weggeworfenen Plastikstühlen, Autoreifen und anderem Gerümpel. Einzig einzelne Banksy-Graffiti auf dem Mauerwerk bringen etwas Leben in die ansonsten grau in grau gehaltene Szenerie. Kampfflugzeuge dröhnen über den Schauplatz, während auf der anderen Seite der Mauer bewaffnete Soldaten lauern. Nein, dies ist keine Dokumentation zur momentanen Lage im Nahen Osten, sondern Schauplatz für die St. Galler Inszenierung von Lessings Nathan der Weise, welche durch das Kriegsgetöse ihren Startschuss erfährt.
Der Sprung von der friedlichen Schweiz ins konfliktgeprägte Jerusalem ist gewollt. So wird mit folgenden Worten in das Stück eingeführt: „Die Szene ist in Jerusalem. Deswegen sind wir heute auch hierher gekommen. Unsere Kostüme haben wir leider nicht mitbringen können. Auch mit der Bühne werden wir ein wenig improvisieren müssen. Aber wir danken den Behörden, dass sie diese Aufführung trotz der schwierigen Umstände ermöglicht haben.“ Dies erklärt die spartanischen Mittel, welche das einfache, aber eindrückliche Bühnenbild als auch die Kostüme der Schauspieler prägen. Mit einigen wenigen Requisiten wie einer einfachen Holzbühne, einigen Autoreifen, Plastikstühlen, und wenigen Palmwedeln wird denn auch die gesamte Produktion gemeistert. Scheinbar unkostümiert wird der Weise Nathan als reicher Geschäftsmann mit Anzug und Aktenkoffer inszeniert, während der Klosterbruder im Hawaiihemd aufwartet und der Tempelritter lediglich mit einem Velohelm und einem improvisierten Umhang aus Vorhangstoff ausgerüstet ist. Die farbige Kostümierung steht im Kontrast mit dem ansonsten so düsteren Bühnenbild, das von der übermächtigen Mauer eingenommen wird. Diese trennt, unterstützt von bis auf die Zähne bewaffneten Soldaten, den verlassenen Schauplatz vom benachbarten Palästina und rückt so die Religionsgrenzen und -konflikte in den Mittelpunkt des Geschehens.
Wie die Vorrede es schon vermuten lässt, wird das Stück als Theater im Theater inszeniert. Die Schauspieler führen jede Szene mit wenigen Worten ein und korrigieren sich auch schon mal im Text oder erklären ein, dem heutigen Zuhörer unverständliches, Wort. Höhepunkt dieser Inszenierung in der Inszenierung ist der vermeintliche Gastauftritt eines Germanistikprofessors, welcher kurzfristig für einen Ausfall in der Kompanie einspringen musste und mit seiner neuen Rolle als Schauspieler sichtlich überfordert ist. Unter tosendem Gelächter seitens des Publikums muss er sich den Anweisungen seiner Schauspielkollegen beugen und so manche Szene mehrfach wiederholen. Solche und ähnliche Einschübe schaffen es, das Stück Lessings für den modernen Zuschauer etwas aufzulockern und dem Publikum die antiquierte Sprache Lessings zugänglicher zu machen. Auch wenn die Gefahr besteht, dass das klassische Drama zur Komödie verkommt, schaffen es die Schauspieler mit ihren Doppelrollen den Spagat zwischen der ursprünglichen Wortwahl, welche sich aus heutiger Sicht einer gewissen Komik nicht entbehren lässt und dem Ernst der Botschaft, die an Aktualität überhaupt nicht eingebüsst hat.
Insbesondere die schauspielerische Leistung von Marcus Schäfer ist an dieser Stelle hervorzuheben. Mit viel Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, Nathan der Weise überzeugend wiederzugeben, ohne ihn auf einen Sockel zu heben und so die Nähe zum Publikum aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig hat er als Leiter der Theatertruppe im Theater alle Fäden in der Hand. So erstaunt es auch nicht, dass er das Stück zum Schluss, als sich der restliche Trupp bereits aus dem Staub gemacht hat, allein zu Ende bringt.
Die Handlung des Klassikers aus der Feder Gotthold Ephraim Lessings dürfte bekannt sein. Als der reiche Geschäftsmann Nathan von einer Geschäftsreise zurückkommt, klärt ihn seine christliche Hausangestellte Daja über den Brand seines Hauses auf, bei dem seine Adoptivtochter Recha beinahe ums Leben kam. Im letzten Moment wurde sie von einem Tempelritter aus dem Flammeninferno gerettet. Dieser war nur auf freiem Fuss, weil er vom Sultan Saladin zuvor begnadigt wurde, da er dessen Bruder zum Verwechseln ähnlich sieht. Die zwei jungen Leute verlieben sich Hals über Kopf ineinander und die Verstrickungen nehmen ihren Lauf, bis am Schluss klar wird, dass die Hauptfiguren – obwohl Jude, Christ und Moslem – alle miteinander verwandt sind. Lessings Drama endet in allseitigen Umarmungen, doch angesichts der schwierigen Lage im heutigen Gaza schien dieser Schluss wohl zu hoffnungsvoll. So geht die letzte Szene im markdurchdringenden Sirenengeheul unter. Während die übrigen Schauspieler fliehen, versucht Nathan verzweifelt, die Schlussszene gegen das Kriegsgeheul anzuschreien. Auch wenn dies mehr schlecht als recht gelingt, so ist die Hauptbotschaft, dass der Mensch in erster Linie der Menschlichkeit und nicht seiner Religion verpflichtet ist, vom Premierenpublikum doch mit Begeisterung aufgenommen worden. Dieses verlässt das Theater mit der Einsicht, dass der Mensch auch mehr als 200 Jahre nach Lessing noch Aufklärung nötig hat.
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