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Geschichten aus dem Wienerwald – Tretet vor, tretet ein, so was habt ihr noch nicht gesehen!

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Premiere im Schauspielhaus Zürich am 14. Januar 2012.

Mit: Christian Baumbach, Matthias Bundschuh, Jean-Pierre Cornu, Fritz Fenne, Aurel Manthei, Michael Neuenschwander, Alexander Maria Schmidt, Lilith Stangenberg, Kate Strong, Friederike Wagner

Da draussen in der Wachau,

Die Donau fliesst so blau,

Steht einsam ein Winzerhaus,

Da schaut ein Mädel heraus.

Hat Lippen rot wie Blut,

Und küssen kann sie gut,

Die Augen sind Veilchenblau

Vom Mädel in der Wachau.

Wenn ein Prolog eines Theaterstücks die feinen Armhärchen einzeln hoch stehen lässt und kleine Schauer den Rücken runter laufen, dann ist der Einstieg in ein Stück gelungen. Ein makabrer Start, zwei grausige Randfiguren moderieren, nehmen  Rollen ein, die das widerspiegeln, was die menschliche Seele birgt und vor allem verbirgt und doch das ganze Stück durch die Übersicht über das Geschehen haben. Wie auf einem aberwitzigen viktorianischen Jahrmarkt dreht sich das Karussell mit den Figuren immer schneller.

Die Regisseurin Karin Henkel beweist ein Gespür für die dunkle Seite der menschlichen Seele. Die Bühne, eine Gladiatorenarena, lässt Raum für das Seelenstriptease der Protagonisten, eine Entblössung, die bis auf die reinsten und urigsten Triebe geht. Der Gruss an die Todgeweihten „morituri te salutant“ geht auch in den Zuschauerraum, welcher eine Fortführung des Bühnenbildes darstellt. Im Grunde genommen sind die Zuschauer nun genau wie Marianne (Lilith Stangenberg), der Zauberkönig (Michael Neuenschwander) und die anderen. Das Stück spielt sich etwa in einem Zeitraum von einem Jahr ab, erst in der heilen Welt im wienerischen 8. Bezirk dann in dem verdreckten schimmeligen Zimmer im 18. Bezirk. Marianne und Alfred machen eine Abwanderung in die untersten Schichten durch. Die zum Schluss völlig verstörte und aufgelöste Marianne leidet an ihrem Schicksal. Empathie fällt hier nicht schwer, die Pein kann durchaus nachgefühlt werden und auch der Wahnsinn ist hautnah spürbar, Lilith Stangenberg leistet hier Grossartiges. Alfred (Aurel Mathei), sehr unsympathisch, geleckt und aalglatt, passt vorzüglich zu der hysterischen und doch mütterlichen Valerie (Friederike Wagner).

Ein schauspielerisches Meisterstück, auch dank den beiden tödlichen Begleitern die mit Witz und Ironie durch das Stück führen (Fritz Fenne und Kate Strong). Einige Versprecher hat die Premiere noch mit sich gebracht, doch mit soviel Charme zum Besten gegeben, dass sie mehr für Lacher sorgten, als dass sie störten. In unangenehmen Dialogen wird die Stille, die lauter sein kann wie jedes Geräusch, in Ton umgesetzt. Das Wort „Stille“ wird zu zweit gesprochen, ist nun bedeutungsschwanger und unangenehm.

Dass die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen durch die Vergangenheit des aristokratischen Kaisertums und das herannahende Zeitalter des Nationalsozialismus geprägt war, ist treffend mit dem jungen, unsicheren Studenten Erich (Christian Baumbach) und dem nostalgischen, eher gemütlichen Rittmeister (Jean-Pierre Cornu) herausgearbeitet. Die beiden Charaktere erhalten im Stück noch mehr Persönlichkeit als in der Textvorlage und verkörpern die beiden Ideologien zwischen denen sich die Menschen in dieser Zeit orientieren mussten. Das altgediente Rollenverständnis Frau dient Mann und Mann ernährt Frau, das Weib, das ewig lockt und der brachiale Mann, der kämpft, sind vorhanden. Der Mann kann sich entfalten, in seinem Beruf und in seinem Ausbildungswunsch, während das junge Mädchen im besten Fall auf eine gute Partie hoffen kann. Die beiden besten männlichen Beispiele hier auf der Bühne, der brutale Havlitschek (Alexander Maria Schmidt), der die Frauen nur für sein Vergnügen nutzt und der brave Oskar (Matthias Bundschuh), dem am meisten daran gelegen ist, dass Marianne ihm irgendwann doch die Hausfrau und Mutter seiner Kinder ist, die er sich wünscht.

Der körperliche und psychische Zerfall der Figuren, der im zweiten Teil des Stücks anfängt oder zumindest dann erst recht auffällt, ist kaum noch aufhaltbar. Kurz pausiert er, als die Versöhnung ansteht, doch nimmt alles seinen destruktiven Weg und am Ende ist man doch alleine.

Auch hier hat das Schauspielhaus es geschafft: Gehen!

 

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