„Sie können mit dieser Geschichte anfangen, was Sie wollen.“ Motto und Mantra der Premiere des Stücks von Dürrenmatt im Schauspielhaus Zürich am 4. Februar 2012.
Viel versprechend der Anfang des Stück. Die Regisseurin Daniela Löffner weiss dann auch tatsächlich viel anzufangen mit dem Stück. Ein junges Mädchen steht auf der Bühne, bis das Publikum es bemerkt, verstreichen einige Minuten. Sie steht vor einem massiven Silbergebirge, flechtet ihre langen braunen Haare geduldig zu Zöpfen. Geduldig auch das Publikum, welches ihr seelenruhig dabei zusieht. Dann stellt es mit den nötigen Requisiten auch gleich den Tatort her, den Ort, an dem eben dieses junge Mädchen brutal zu Tode stranguliert worden ist. Die anderen Figuren des Stücks betreten die Bühne und helfen ihr, streuen Laub auf den nun reglosen Körper, simulieren den Spuren wegwaschenden Regen mit dem Wasser aus dem Gartenschlauch. Die Protagonisten werden die Bühne nun nicht mehr verlassen, sie sind bis zum Schluss Teil des gesamten Geschehens, einige auch in Doppelrollen. So ist das Opfer, Lily Moser, auch gleichzeitig der Köder, den Matthäi auswirft um den Mörder zu fangen. Schön und stark gespielt von Paula Blaser. Doktor Matthäi wird von Markus Scheumann verkörpert, er scheint die nonchalante Arroganz und die trockene Korrektheit im Blute zu haben. Zwischen der Meldung des Mordes an Lily Moser und der Aufnahme der Tatbestandsmerkmale, begeht er von Zürich nach Mägendorf einen Sprung durch Raum und Zeit, geschickt inszeniert und sehr gut eingebaut in die Handlung. So kann die Begrenztheit der Bühne, welche auch die Enge in den Schweizer Bergtälern simuliert, geschickt ausgenutzt werden für das Spiel.
Dass der Hausierer von Gunten (Jirka Zett) ein armer Tropf ist und dazu noch geistig behindert zu sein scheint, lässt Henzi (Milian Zerzawy) leichtes Spiel haben bei dem zerstörenden Verhör. Der wahre Täter, Albert, wirkt unterdrückt, verwirrt und tatsächlich wie von einer fremden Macht getrieben. Ein netter Einfall, den zu Unrecht Beschuldigten und den wahren Übeltäter von ein und derselben Person darstellen zu lassen. Julia Kreusch ist sogar in drei Rollen zu sehen. Sie spielt die Polizistin, welche beim Anblick des toten Kindes peinlich berührt zu sein scheint und gar nicht hinsehen mag, die Mutter, welche dem verkorksten Ermittler Matthäi das Versprechen abnimmt, den Mörder zu finden und die Heller, welche mütterlich und doch verrucht voller Power die Bühne einnimmt. Ahnungslos aber, was Matthäi mit ihr und dem Kind vorhat.
Die Annäherung des Mörders an Annemarie, dem lebendigen Köder, verbreitet eine solche grausame, ekelhafte Faszination, dass man als Zuschauer nicht wegsehen kann. Die Schauspieler jedoch tun dies, kehren dem perversen Spiel den Rücken zu und sehen bewusst oder unbewusst weg und lassen dem grausam bezaubernden Treiben seinen Lauf. Ungeheuerlich, wie es auch das Publikum in den Bann zieht.
Dass wie im 1958 erschienen Film „Es geschah am helllichten Tag“ die strenge und gluckenhafte Ehefrau des wahren Täters eine Rolle spielt und die Seite dieses irrwitzigen Gespanns beleuchtet wird, ist ein interessanter Spin der ganzen Geschichte. Eine solide Leistung von Isabelle Menke, welche die übervorsorgliche und dominante Gattin mimt. Dass das silberne Gebirge im Hintergrund nicht weicht, so wie auch die bedrückende, beklemmende Stimmung, ist bestimmend für das Stück. Wie es der Name des Filmklassikers sagt: Es geschah am helllichten Tag. So wird die Bühne immer greller und heller beleuchtet, gerade wenn es hell ist draussen, geschehen solche Greueltaten, auf die Dunkelheit wartet kein Triebtäter. Die Gewalt, die Matthäi verhindern wollte, ergiesst sich nun über das unschuldige Kind, ausgeübt von ihm und den anderen Polizisten, die es leid sind weiter im Gebüsch zu lauern bis der Mörder auftaucht.
Der wie wahnsinnig wartende Matthäi, der durch das Warten wahnsinnig wird, erstaunt mit einem überraschenden Finale, das Publikum bleibt gespannt und im Banne des Geschehens bis ganz zum Schluss und darüber hinaus. Staunender Applaus dann auch, der kaum abflauen will, nach einem bizarren und düsteren Stück, welches aber zauberhaft umgesetzt wurde. Der Zufall macht dem Leben oft einen Strich durch die Rechnung, nicht nur die guten Früchte bringend. Er lässt im schlimmsten Fall ein bitteres und Unruhe verursachendes Gefühl zurück, ein Gefühl das nicht weichen will und einen schalen Nachgeschmack von verpasster Gelegenheit hinterlässt.
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