Bereits zum zweiten Mal nimmt das Theater St. Gallen in der Lokremise das Schauspiel Homo Faber ins Programm. Max Frischs Homo Faber gehört wohl zur Pflichtlektüre eines jeden Schweizer Schülers. Doch auch wer meint, das Stück bereits zur Genüge zu kennen, wird von der Inszenierung Tim Kramers eines Besseren belehrt. Lassen sie sich verführen zu einem Theaterabend der etwas anderen Art!
Etwas irritiert stehen wir vor geschlossenen Schranken der St. Galler Lokremise, wo heute die Wiederaufnahme des Schauspiels Homo Faber stattfinden soll. Der Zugang zum Theater bleibt verwehrt. Doch nicht nur die Gäste haben sich im Foyer eingefunden, sondern auch die Schauspieler haben sich unter das wartende Volk gemischt und beginnen mit der ersten Szene inmitten ihrer Zuschauer. „Ladies and Gentlemen, you are kindly requested…“ tönt es durch die Lautsprecher im Foyer der Lokremise St. Gallen. Mit diesen vertrauten Worten einer Stewardess beginnt das Schauspiel Homo Faber noch bevor wir die Billetkontrolle durchschritten haben.
So wird der Check-In des Stückes gleichzeitig auch zum Check-In – oder eben zur Billetkontrolle für uns Zuschauer. Gemeinsam mit Walter Faber passieren wir die Eingangskontrolle. Während sich die Zuschauer rund um das Kassenhäuschen versammeln, wo der Schauplatz für die nächste Szene angedeutet ist, besteigt Walter Faber ein durch wenige Requisiten umrissenes Flugzeug. Noch im Eingangsbereich werden wir Zeugen einer Notlandung inmitten einer südamerikanischen Wüste. Dies stellt für Faber den Startschuss für eine schicksalsträchtige Kopplung von Ereignissen dar, infolge dessen er ein Liebesverhältnis mit seiner eigenen Tochter eingeht, ohne zu wissen, dass er überhaupt Vater eines Kindes ist.
Erst jetzt öffnet sich die Tür zum Theatersaal. Die Odyssee von Schauplatz zu Schauplatz ist damit jedoch noch nicht zu Ende. Zwar befinden sich einige Sitzbänke in der Mitte des Raumes, darauf sollten wir es uns jedoch nicht allzu bequem machen. Auch hier wechseln die Schauplätze von einer Ecke des Raumes in die andere, sodass wir uns quasi in der Mitte einer 360 Grad Bühne befinden. Da man jedoch nicht den ganzen Raum im Blickfeld hat, ist man immer wieder gezwungen aufzustehen, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. So bleiben wir nicht nur zum Zuschauen verdammt, sondern wandert sozusagen mit der Handlung mit, welche sich direkt vor unserer Nasenspitze abspielt.
Doch nicht nur die Schauplätze wechseln ständig ihren Standort, sondern auch die Hauptrolle wird von verschiedenen Personen eingenommen. Das Sextett, bestehend aus Boglárka Horváth, Diana Dengler, Claudia Wiedemer, Matthias Albold, Romeo Meyer und Oliver Losehand schlüpft abwechselnd in die kommentierende Rolle des Walter Faber. Neben diesen erzählerischen Einschüben werden die Szenen aber auch schauspielerisch illustriert. Durch diese Zweiteilung der Handlung gelingt es dem Schauspiel dem durchwegs im Monolog gehaltenen Roman Leben einzuhauchen und der Vorlage doch gerecht zu werden. Mit viel Geschick wird ein Homo Faber dargestellt, der sich im Verlaufe des Stücks von einem rationalen, mystikverachtenden Techniker hin zu einer Figur entwickelt, welche – vom Schicksal eingeholt – auch ihre emotionale Seite enthüllen muss. Dieser (Seelen-)strip spielt sich jedoch nicht nur im Innern der Figur ab; auch äusserlich entblösst sich Matthias Albold alias Walter Faber nicht nur bis zur Unterwäsche.
Die Inszenierung von Tim Kramer überzeugt auf der ganzen Linie - oder besser gesagt Ebene. Eine Bühne braucht sie nämlich nicht. Die Schauspieler spielen auf Augenhöhe und machen den Gang zum Theater zu einem Gang durchs Theater und somit zum Erlebnis!
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