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Wie einst Oliver Twist- Bericht&Fotostrecke

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Auf dem Areal der Stuhlfabrik Dietiker in Stein am Rhein wird seit dem 02. Juli das Musiktheater «Wie einst Oliver Twist», frei nach dem Roman von Charles Dickens, gegeben. Es läuft bis zum 25. Juli. Da Bühne und Zuschauertribüne mit rund 550 Sitzplätzen gedeckt sind, können die Vorstellungen bei jeder Witterung stattfinden.

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Der Initiantin und Drehbuchautorin des Stückes ist Gabriele Caduff. Ihr gelingt es auf subtile Art, die berühmte Geschichte, welche bereits 1837 als Roman erschienen ist, in das Jahr 2010 zu verpflanzen. Es war sicherlich kein leichtes Unterfangen, den wer das Original kennt, weiss um die vielen Charakteren und Handlungsstricke.

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Die Geschichte wird auf zwei Ebenen in raffiniertem Bühnenbild gespielt. Dieses ist vom Mitinitiator Rolf Riedweg entworfen. Er ist auch verantwortlich für Licht und Ton. Die Umbauphasen sind mit einer inszenierten «Putzfrau», welche auf der oberen Ebene die nötigen Szenenänderungen übernimmt, geschickt gelöst. Ebenfalls auf der oberen Ebene befindet sich die Kneipe von Miranda (Nathalie Mank).

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Die untere Ebene und Hauptszene bildet der schmuddelige Vorplatz der U-Bahnstation «Vor der Brugg». Neben der Station ist ein kleiner Park, in dem sich Clochards, Dealer, Nutten, Zuhälter und die Straßenkinder bevorzugt aufhalten. Ein weiterer Dreh- und Angelpunkt ist ein kleiner Kiosk.

Olivers Mutter ist die Geliebte eines vermögenden noblen Mannes. Erschöpft stirbt sie kurz nach Olivers Geburt an den Strapazen. Miranda (Nathalie Mank) wird Zeuge des Muttertodes, behändigt sich des Vermögens der Toten und bringt den neugeborenen Oliver zu einer Babyklappe. Mit dem gestohlenen Geld kann sie Ihre Kreditschulden beim Drogenbaron Georgio Fagini ( Severo Marchionne) begleichen und ihren eigenen Töchtern eine gute Ausbildung im Ausland ermöglichen. Die Leiche von Olivers Mutter verschwindet und taucht später in einem Fluss wieder auf.

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Testamentarisch begünstigt Olivers verstorbener Vater nicht seine Ehefrau Nathalie Leeford, gespielt durch eine überzeugende Margrit Sartorius, und den ehelichen Sohn, sondern zur Hälfte Oliver und dessen Mutter. Diese ist allerdings tot und Oliver wächst mit neuer Identität im Waisenhaus, später bei Pflegeeltern, auf. Nathalie Leeford, die Mutter von Olivers Halbbruder, schwört von Stolz und Geldgier getrieben Rache. Sie findet Komplizenschaft beim korrupten und in einen Kinderpornoring verstrickten Amtsvormund Oskar Bumann (Bodo Krumwiede). Bodo Krumwiede vermag vor allem schauspielerisch zu glänzen. Sowohl menschliche als auch intrigante Gier und macchiavellische Boshaftigkeit scheinen ihm förmlich ins Gesicht geschrieben.

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Die Kioskfrau und Dorfklatschtante, gespielt von einer herrlich schwäbelnden Christine Bader, verschafft unserem Oliver einen Nebenjob. Seiner Begabung folgend, finanziert er sich mit dem verdienten Geld Musikunterricht, was ihm den Neid seines Pflegebruders einbringt. Andy Füllemann verdient in seiner ersten Hauptrolle als gutgläubiger, fleißiger und auch leicht naiver Jüngling viel Respekt, wenn er dabei noch etwas farblos agiert. Dies mag sich mit den sinkenden Lampenfieber aber sicherlich noch zu legen.

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Ein gutes Geschäft witternd, macht Olivers Halbbruder gemeinsame Sache mit Fagini und dem Zuhälter Ronaldo, dessen Nutte Nancy (Anja Künast) ihren Stammplatz an der U-Bahnstation hat. Bernardo Revuelta spielt den brutalen Macho Ronaldo äußerst glaubwürdig und präsent und hat eine tolle Tenorstimme. Anja Künast als seine Nutte spielt überzeugend, ohne dabei billig zu wirken.

«Die weißen Panther», eine geheime Upperclass-Jugendbande, machen den von ihnen verabscheuten Straßenkindern das Leben schwer, sogar eine Vergewaltigung geht auf ihr Konto. Streetworker Nicolas Strada (Claus Gerstmann) berichtet von seinem schweren Los und packt dies in den Song «Tausend Stäbe» . Claus Gerstmann, der nicht nur als Streetworker auf der Bühne sondern auch als Chorleiter und Vocalcoach hinter dem Projekt steht, vermag die Prüfungen und Herausforderungen der «guten Sache» glaubhaft darzustellen. Seine wunderbar warme Baritonstimme trägt das ihrige zum Gelingen bei.

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Der missgünstige Pflegebruder von Oliver beschuldigt diesen des Diebstahls und viel schlimmer, man will Oliver auch die Vergewaltigung anhängen. Nicht einmal sein arbeitsloser und verbitterter Pflegevater glaubt noch an ihn.

Oliver reißt aus. Die Straßenkinder, die Kioskfrau und der Streetworker Nicola Strada werden Olivers einziger Halt. Subtil werden auch die Schicksale einzelner Straßenkinder aufgezeigt.

Charles Dickens, wiedererweckt durch die Missstände, erscheint um unseren Oliver Twist vor größerem Ungemach zu schützen.

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Der charismatische Siemen Rühaak, spielt seine Rolle mit füchsischer Gelassenheit und scheint sichtlich Freude an der Verkörperung des Charles Dickens zu haben. Er nimmt die Gelegenheit, ein Stück Solidarität in die Welt zu tragen, durch seinen persönlichen Einsatz auf wie auch als  Schauspielcoach und Co-Regisseur hinter der Bühne doppelt wahr.

Unterstützt wird Charles Dickens bei der Hilfe an Oliver Twist durch einen Engel (Song: «Glaub an Dich») auf Rollschuhen, inspiriert vom «Blauen Engel» der Niki de Saint Phalle. Es gelingt Bumann, Ronaldo und Fagini den unter Verdacht stehenden Oliver zu verschleppen. Obwohl Sie Ronaldo tief im Innersten liebt, entwickelt Nancy mehr und mehr ein Herz für die Straßenkinder. Als sie mitbekommt, dass Oliver beseitigt werden soll, verhilft sie Oliver zur Flucht und verrät der Polizei die Machenschaften Bumanns und das Versteck Faginis. Ronaldo, der den Verrat nicht fassen kann, wird zum verzweifelten gehetzten Tier . Obwohl sie ihm ihre tiefe Liebe beteuert, bringt Ronaldo Nancy um.

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Dank eines Medaillons kann Olivers wahre Identität ermittelt werden. Es kommt zum Happy-End. Charles Dickens erscheint ein letztes Mal und läutet so das große Finale ein und alle stimmen zum Lied «Dein Schicksal wird sich wenden» ein. Eindrücklich wirbt er ein letztes Mal für Solidarität, Gerechtigkeit, Mut und Eigenverantwortung, bevor er in die Unendlichkeit entschwindet.

Das über 50 Leute zählende Ensemble rechtfertigt das hohe Ziel der Initianten, möglichst vielen Theaterbegeisterten eine Verwirklichungschance auf der Bühne zu geben mit spürbarer Motivation, sichtbarer Spielfreude und viel Begeisterung. Ist das Stück auch kein Musical, so sind doch einige Lieder in die Handlung eingewoben. Das Repertoire reicht vom Rapp bis zur (modernisierten) Ode an die Freude von Beethoven!

Die immer einsichtbaren Szenenbilder helfen die Inszenierung flüssig zu halten, sorgen aber wegen teilweise mangelnder Lichtfokussierung ab und zu für kleinere Unklarheiten beim Zuschauer. Inzwischen dürfte allerdings auch dieses Problem gelöst sein.

Insgesamt eine runde, sehenswerte Sache und das Premierenpublikum hat trotz tropischen Temperaturen stehenden Applaus gespendet! Das Stück läuft bis zum 25. Juli. 

 

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