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Waisen - Deutschsprachige Ersaufführung am Theater Basel

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Am 22.10.10 feierte das Stück «Waisen» seine deutschsprachige Erstaufführung im Schauspielhaus Basel. Der amtierende Schauspieldirektor in Basel, Elias Perrig, inszeniert mit «Waisen» bereits das fünfte Stück des 40-jährigen britischen Autors. Kellys gesellschaftskritische Dramen werden auch bei uns immer beliebter, scheint doch die deutschsprachige Gegenwartsdramatik immer banaler und uniformer zu werden. Die deutsche Erstaufführung des Stückes wird übrigens am 29. Oktober in Nürnberg sein.

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Die Geschichte
Ein nüchternes Wohnzimmer in Schieflage mit zwei Personen am Tisch und einem Mann, welcher gerade im Türrahmen steht, eröffnen den Abend. Danny (Peter Schröder) und Helen (Katka Kurze) genossen ihr romantisches Dinner zu Feier von kommendem Nachwuchs, ihrem Zweiten, bis Liam (Florian Müller-Morungen) mit einem von Blut getränkten Hemd hereinplatzt. Es sei das Blut eines anderen, eines Jungen, er habe ihm geholfen, denn dieser habe blutend auf der Strasse gelegen.

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Liam ist Helens Bruder und besorgt macht sie sich sofort daran ihn zu waschen und wechselt ihm sein schmutziges Hemd. Danny möchte die Polizei verständigen, aus Sorge, dass der verletzte Junge noch irgendwo in den Strassen liegt und mit dem Tode ringt. Helen möchte die Situation abwarten, denn so ganz schenkt sie Liams Geschichte noch nicht Glauben und die Polizei will sie auf keinen Fall verständigen.

Ein Szenenwechsel folgt, alles drei sitzen am Tisch. Stumm starren Helen und Danny den gierig in sich hinein schlingenden Liam an. Danny fühlt sich verantwortlich den Verletzten zu suchen, denn man kann nicht einfach einen Mensch verelenden lassen. Helen lehnt die Idee ab und ein Disput folgt über das in Helens Bauch heranwachsende Baby, sie ist sich unklar es bekommen zu wollen oder nicht. Es folgt betretenes Schweigen.

Hier wird besonders deutlich, wie unterschiedlich die drei Personen an diesem Tisch sind. Helen hysterisch, nervös, nimmt Liam in Schutz und fühlt sich für ihn verantwortlich seit ihre Eltern tragisch verunglückt sind. Sie würde für ihren Bruder alles machen und es wird auch klar, dass die Beziehung zu Danny zur Zeit keineswegs unter einem guten Stern steht. Sie beschimpft ihn ständig, um sich anschliessend wieder bei ihm zu entschuldigen.

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Liam wirkt neben der Spur, denn er probiert ständig von dem Thema mit dem verletzten Jungen abzulenken, mehrheitlich mit seinen Gewissensbissen seiner Schwester und ihrem Mann den Abend ruiniert zu haben. Er wirkt kindlich und handelt unkontrolliert. Helen und Danny halten ihm auch seinen Umgang mit seinen rechtsradikalen und Freunden vor.

Danny spielt in Anzug und Krawatte den kleinkarrierten Ehemann, der probiert seine Ehe mit Helen zu retten und sie in jeder Weise zufrieden stellen will. Seine Familie geht vor, da kann auch Liam keine Ausnahme bilden. Er ist realistisch und vernünftig, er probiert in jeder Situation eine passende Lösung zu finden.

Die Personen kann man absolut nicht einordnen. Auch Elias Perrig hat in einem Interview dazu Stellung genommen und sagte: «Es gibt bei den Figuren keine deutliche soziale Zuschreibung, somit muss der Spieler unmittelbar aus dem Augenblick schöpfen und eine hohe Eigenverantwortung entwickeln für all das, was Kelly ausspart.»

Nun erklärt Liam plötzlich, dass es sich bei dem Verletzten um einen Araber handelt und zwar um einen, der Danny vor einiger Zeit angegriffen hat. Liam verehrt Danny regelrecht. Dieser sieht die Situation nun von einer komplett anderen Perspektive, es handelt sich nicht mehr um einen gleichberechtigten Mensch wie noch kurz davor, nun will er die ganze Wahrheit wissen. Liam erklärt, was wirklich geschah: Er hat den Mann verfolgt, niedergestochen, in einen Schuppen gebracht und ihn dort, wo er noch immer liegt, gefesselt und gefoltert. Dies wühlt Danny komplett auf, er sieht keine Lösung für diese Tat. Diese sieht er jedoch nicht (so wie Helen) darin, Liam ein falsches Alibi zu geben, er möchte nicht Mitverantwortlicher für dieses Verbrechen werden. So sieht Helen die einzige Lösung darin, dass Danny den Araber bedrohen muss, da sie Liam nicht ins Gefängnis schicken möchte. Helen erpresst Danny auf einer perfiden Ebene und kommt mit dem Argument ihres Babys, was würde er tun, wenn es sein Kind wäre, das so etwas verbrochen hätte?

Szenenwechsel. Danny kehrt in die Küche ein, wo ihn Helen in ihrem Schlafanzug empfängt. Er war mit Liam bei dem Araber und sie haben ihm Angst eingeflösst, ihn bedroht und im Wald ausgesetzt. Für Helen ist das Problem somit gelöst. Liam entschuldigt sich wiederholt, den beiden ihr Essen versaut zu haben, doch er wird nur noch heraus gebeten und als Monster bezeichnet.

Fazit
Gewalt spielt eine grosse Rolle in dem Stück, der Horror tritt in die eigene gute Stube. Nicht umsonst ist sie in einem unschuldigen weiss gehalten. Der Zeitpunkt von Kellys Drama könnte nicht besser gewählt sein, erschien doch vor kurzem die Biographie von Tony Blair, welcher seinerseits den blutigen Horror mit Folter und Krieg in die heimischen Stuben brachte. Wie im Stück von Kelly hat diese Realität gezeigt, wozu das «Monster» in uns fähig ist.

Die Inszenierung von Elias Perrig erspart dem Publikum nichts und treibt die Spannung nach und nach ihrem fast unerträglichen Höhepunkt zu. Die Schauspieler waren absolut fantastisch. Elias Perrig hatte recht darin behalten, dass alle eine sehr grosse Verantwortung haben, wie sie ihre Rolle vermitteln. Dies haben sie ausgezeichnet umgesetzt. Teils konnte man sich extrem gut in die Charakteren einfühlen, teils waren sie wieder extrem fremd und handelten unerwartet. Die Angst, Unsicherheit und Bosheit von Katka Kurze alias Helen, der Hass und die Menschenverachtung von Florian Müller-Mohrungen alias Liam wie auch die Wandlung von Danny (Peter Schröder), seine Entwicklung vom Selbstgerechten zum Hoffnungslosen ist glaubhaft und spürbar. Selbst abgebrühte Krimi- und Thrillerfans werden bei dieser Inszenierung auf ihre Kosten kommen und nicht ohne Betroffenheit das Theater verlassen.

 

Regie Elias Perrig
Bühne und Kostüme Wolf Gutjahr
Musik Biber Gullatz
Licht Roland Edrich
Dramaturgie Martin Wigger
Regieassistenz Elisabeth Caesar
Bühnenbildassistenz Vera Locher
Kostümassistenz Raphaela Hutter, Sabrina Moser
Inspizienz Peter Keller
Souffleuse Mona Volmer

Besetzung
Helen Katka Kurze
Danny Peter Schröder
Liam Florian Müller-Morungen

 

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