„Gut, besser, bestialisch“ mit diesen Worten bringt die Figur Georges das Theaterstück Wer hat Angst vor Virginia Woolf..? auf den Punkt. Schonungslos stellt der moderne Klassiker Edward Albee’s, der bereits 1962 am Broadway uraufgeführt wurde, den nächtlichen Ehestreit zwischen dem Geschichtsprofessor Georges und seiner Gattin Martha zur Schau. Nun wird auch die Bühne des Theaters St. Gallen zum Schauplatz – oder besser Schlachtfeld – der Kränkung, Demütigung und Selbstzerstörung der beiden Eheleute.

Spätnachts kehrt das Ehepaar Martha und George von einer Party bei Marthas Vater nach Hause zurück. Die Stimmung ist angespannt. „Du heiliger Strohsack. . .!“ Dieser Ausruf Marthas leitet denn auch das Stück ein. Als Martha ihrem Ehemann dann auch noch eröffnet, dass sie zu dieser späten Stunde noch Gäste eingeladen hat, eskaliert die Situation. So ist der Streit bereits in vollem Gange, als die beiden Gäste Honey und Nick schliesslich eintreffen. Sie werden Zeuge, wie sich die beiden Eheleute mit Worten zerfleischen, immer mit dem Ziel den anderen vor den Augen der Gäste blosszustellen und grösstmöglichst zu demütigen.
Das Wortgefecht zwischen den beiden Eheleuten steht im Mittelpunkt des Stücks. Es wird denn auch nicht durch unnötige Requisiten in den Hintergrund gerückt. So bleibt das Bühnenbild beschränkt auf zwei grüne Ledersessel, einer Ständerlampe sowie einem Plattenspieler. Dieses Mobiliar befindet sich auf einem Quadrat bestehend aus einem braungemusterten Sechzigerjahre-Teppich. Im Hintergrund ist schwach ein Barwagen, gefüllt mit Schnapsflaschen, zu erkennen, deren Inhalt sich im Laufe des Abends rasant leert.
Die minimalistische Dekoration lenkt die volle Aufmerksamkeit auf die Leistung der Schauspieler die den vier Hauptfiguren Charakter und Ausdruck verleihen. Gekonnt taucht Diana Dengler in die dominierende Person der Martha ein, die durch ihre vulgäre Ausdrucksweise und ihre geradlinigen Angriffe die Würde ihres Mannes mit Füssen tritt. Insbesondere sein berufliches Versagen wird immer wieder Ziel ihrer, bisweilen bösartigen, Attacken. George hingegen punktet durch Kalkül und Intellekt. Durch subtile Gegenangriffe schafft er es sein Gegenüber aus der Reserve zu locken. Gespielt wird der erfolglose Geschichtsprofessor und Zyniker vom Schauspieldirektor Tim Kramer persönlich. Die Gegenspieler des zankenden Ehepaars bilden die beiden Gäste Nick und Honey. Unvorbereitet geraten sie zwischen die Fronten des verbalen Ehekrieges. Während es dem gutaussehenden und erfolgreichen Nick (Romeo Meyer) mehr oder weniger gelingt, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, scheint seine ‚schmalhüftige’ Ehefrau vom Geschehen wenig mitzubekommen. Sie gibt sich dem Alkohol hin und tanzt, lacht, weint und kotzt in regelmässigen Abständen. In dieser Rolle glänzt Hanna Binder, die das ‚Dummerchen’ mit grosser Glaubwürdigkeit spielt.
Aber auch die beiden Gäste kommen nicht ungeschehen davon. Nachdem nämlich das Spiel „Den Gastgeber demütigen“ vorbei ist, folgt unmittelbar ein neuer Zeitvertrieb mit dem Namen „Gibs dem Gast!“. Dabei scheint es sich tatsächlich um Spiele mit festen Regeln zu handeln, an die sich Georges und Martha trotz aller Abscheulichkeit halten. Da Martha aber mit der Erwähnung ihres imaginären Sohnes einen Regelbruch begeht, zieht Georges nach und offenbart ihre Lebenslüge, die ihrer Ehe erst einen Sinn zu geben schien. Martha bricht zusammen und das Stück endet überraschend mit einem Funken Menschlichkeit: Da Martha friert, legt ihr George seine Jacke um und für einmal scheint es doch noch Hoffnung für diese zerrüttete Ehe zu geben, die durch diese bitterbösen Spielereien erst zum Leben erwacht.
Edward Albee sagte einst: „Das Stückeschreiben muss mir Spass machen.“ Man nimmt ihm denn auch sofort ab, dass ihm das Kreieren dieses tragisch-komischen Wortgefechtes mit seinen treffsicheren und bissigen Dialogen Freude bereitete. Und auch dem Publikum in St. Gallen entlockt die gekonnte Inszenierung des Stück Wer hat Angst vor Virginia Woolf...? immer wieder Gelächter, welches mitunter aber auch im Halse steckenbleibt.
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